Montag, 19. November 2012

"Rosemaries Baby" [US '68 | Roman Polanski]

Polanski tat gut daran, weder den Okkultismus, noch das zunehmend ersichtliche Intrigen- und Verschwörungsnetzwerk rund um Rosemarie zu konkretisieren, sondern sich ganz und gar der Ohnmacht seiner Protagonistin und somit auch der damit einhergehenden Ohnmacht seines Publikums zu widmen. Denn es ist immer das Ungreifbare, das ungute Gefühl, welches dich zwar fortwährend begleitet, aber selten wirklich an konkreten Szenen festzumachen ist, das "Rosemaries Baby" letztlich so effektiv werden lässt. 

Auf eine Visualisierung dessen, vor dem sich sowohl seine Protagonistin (herausragend: Mia Farrow), als auch sein Publikum fürchtet, verzichtet Polanski gänzlich. Es wird immer nur angedeutet, nuanciert Fährten gelegt und beinahe alles der Vorstellungskraft des Zuschauers überlassen; weil Polanski seiner Zuschauerschaft etwas zutraut und ihnen nicht jede Einzelheit ausformuliert auf die Leinwand knallen muss. Sein Horror ist ein psychologischer, einer der kaum spürbar seine Spuren hinterlässt, aber dennoch für ein tiefes Unwohlsein lange nach der Sichtung verantwortlich ist.

Und während der sinnlich-beunruhigende Intro-Score von Anfang an wie ein nihilistischer Schatten über dem zunächst scheinbar idyllischen Geschehen schwebt, beginnt spätestens mit Beginn der Schwangerschaft der subtile Horror seine implizite Wirkung zu entfalten. Dann - wenn das gemächlich eingeführte Figurengefüge einer stetigen Veränderung unterzogen wird, die unsichtbare Bedrohung immer wieder die Maske wechselt, unscheinbar durch die Reihen schleicht und nichts mehr so ist, wie es zu seien scheint.

Wenn der Zuschauer plötzlich beginnt an seiner eigenen Wahrnehmung zu zweifeln, das eigene Urteil mit jeder Geste, jedem gesprochenen Wort ins Wanken zu geraten scheint, dann beginnt „Rosemaries Baby“ ungemütlich zu werden. Polanski streut die Finte dabei ebenso zielsicher ein, wie er sie an späterer Stelle, mitsamt des scheinbaren Twists, wieder relativiert. Und an genau dieser Stelle macht sich dessen vermeintlich überlange Einführung bezahlt...

Wir bangen, wir rätseln und wir zittern mit, weil Figuren existieren, die uns kümmern, die wir kennengelernt haben und die wir mögen oder an denen wir zweifeln. Eben deshalb, weil Polanski ihnen zuvor eine unaufgeregte und sorgfältige Exposition zugestanden hat. Und ehe die mephistophelische Brut das Licht der Welt und den Kreis obsessiver Satanisten erblickt, hat das Chaos längst unsere Gedanken okkupiert und die Hoffnung auf einen üblichen Verlauf etwaiger Umstände zunichte gemacht. 

Das Finale ist Wahnsinn und der wahre Horror ist der Moment, in dem uns Polanski dabei zuschauen lässt, wie auch seine Protagonistin selig lächelnd vor der höheren Instanz kapituliert. Langsamer wiegen soll sie es. Weil es weint, wenn es zu schnell gewogen wird. Diese Rolle solle lieber sie übernehmen. Und die Augen des Vaters hat es. Und die Finger erst. Er ist zu Höherem bestimmt. Der kleine Teufelsbraten.

"Witches... All of them witches!" 

8/10

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