Montag, 23. März 2020

Pop ist politisch - "Miss Americana" [US '20 | Lana Wilson]


Was wäre „Miss Americana“ für ein erwartbarer Biografie-Langweiler geworden, wenn Regisseurin Lana Wilson sich damit begnügte, lediglich die Geschichte einer erfolgreichen, schönen Person dramaturgisch nachzuerzählen. Sicher, einer eben solchen Nacherzählung widmet „Miss Americana“ einiges an Laufzeit, der Film tut dies aber auch, um mit genau diesem erzählerischen Modus des unaufhörlichen Aufstiegs schlussendlich zu brechen. Mehr noch: der Film stellt sogar heraus, zu welchem Preis der gezeigte Erfolg erreicht wurde und stellt ihn damit gleichsam ein Stück weit in Frage. Und es wird schnell klar, in was für ein diffiziles, reziprokes Abhängigkeitsverhältnis Fans und Stars und im besonderen Maße Stars und mediale Öffentlichkeiten geraten. Dabei lässt sich vor allem viel über das Verhältnis der Musikbranche zur US-Politik und das Selbstverständnis amerikanischer Stars lernen, insbesondere dann, wenn sie weiblich sind. Und es lässt sich viel darüber lernen, wie wir gesellschaftlich über andere Menschen denken und sprechen, die in der Öffentlichkeit stehen. Was verkörpert sich in den Stars neben persönlichen Sehnsüchten, Fetischen und Träumen? Und welche Wirkungsmacht haben die Stars über uns mit ihren Social Media Accounts, die ganze Nachrichten-Netzwerke in ihrer Reichweite überbieten? Welche Macht haben wir wiederum über unsere Stars? Taylor Swift erweist sich in diesem aufgespannten Bezugssystem als reflektierte Protagonistin, die sich immer wieder Fragen stellt, wo sie sich doch im Grunde auf ihren Erfolg als Musikerin zurückziehen könnte oder sich in nichtigen Branchen-Beefs verausgaben (Aussagen wie ein pathetisch-lappidares „run from fascism“ seien im Moment der kreativen Euphorie verziehen). Taylor Swift muss man vor „Miss Americana“ weder gehört, noch gesehen haben, um zu verstehen, was Regisseurin Lana Wilson hier alles entdeckt; unter dem Make-up, den Glitzer-Kostümen, dem ganze Bombast eines Menschen – und eines Landes.

Samstag, 21. März 2020

Nonkonformismus - "Psychobitch" [NOR '19 | Martin Lund]


Vom blöden Titel sollte man sich nicht abschrecken lassen. Coming-of-Age auf norwegisch hatte ich zuletzt mit „Thelma“ (in einem Genre-Kontext) und davor mit „Der Mann, der Yngve liebte“ (in der eine queere Erweckung geschildert wird). „Psychobitch“ ist zwar nicht ganz so stilsicher wie diesen beiden Filme, verhandelt aber eine ganze Reihe von Themen, die auch weit über die Adoleszenz hinaus relevant sind. Im Zentrum dieser Themenparade steht für mich die Frage, inwiefern ein jugendliches Rebellieren in den modernen liberal-progressiven Gesellschaften (insbesondere auf Norwegen und den skandinavischen Raum zutreffend) überhaupt noch möglich ist. „Psychobitch“ konzentriert diese Fragestellung in ein paar wenigen Szenen sehr treffend. In einer Szene beschwert sich der jugendliche Protagonist Marius bei seinem für alles Verständnis findenden Vater, dass er ihn zu viel lobe. Der Vater reagiert daraufhin mit Verständnis und lobt ihn dann dafür, ihn darauf hingewiesen zu haben. In einer anderen Szene zerschneidet Marius seinen Skianzug mit einer Schere und legt damit gleichsam auch das gesellschaftliche Korsett ab. Die Skepsis der Hauptfigur gegenüber dem eingeforderten Konformismus seiner Lehrer, Eltern und Mitschüler und die Umgangsweisen mit einer Außenseiterin vermittelt der Film dabei auf sehr glaubwürdige Weise und findet im falsch getakteten Tanzschritt dafür das prägnanteste Bild. Geheimtipp!

Dienstag, 11. Februar 2020

"Gemini Man" [US '19 | Ang Lee]


Allerlei herzliche Umarmungen. Hier wird sich geknuddelt als gäbe es kein Morgen mehr. Alte Freunde, neue Freunde, das vergangene Ich – jeder bekommt Liebe. Das ist ebenso schön, wie die Idee hinter dem Film, eine produktive Begegnung mit dem früheren Ich zu initiieren, um so die inneren Monologe filmisch sichtbar zu machen. Leider klingen diese Monologe abgedroschen und verstehen sich kaum auf die philosophischen Qualitäten der Prämisse. Will Smith spielt seine Rolle derweilen genauso, wie er ernste Rollen seit zwanzig Jahren spielt. Eine wirkliche Verletzlichkeit möchte ich ihm jedenfalls nicht glauben, ebenso wenig seiner Fresh-Prince-Variante aus dem PC (sogar eine Anspielung auf eben diese Rolle wird sich nicht verkniffen). Die Action dieses Actionfilms ist leider ebenfalls unterentwickelt, vieles passiert digital, nicht selten hässlich digital. Statt den Hyper-Realismus der Bildrate auch auf der konzeptionellen Ebene fortzuführen, in der Art von Soderberghs „Haywire“ und dessen großartig choreographierten Kämpfen womöglich, scheint sich „Gemini Man“ in der Konkurrenz gegenwärtiger Blockbuster zu wähnen. Auch die Argumentation des vermeintlichen Bösewichts (Clive Owen) ist viel besser als es der Film sich offenbar selbst eingestehen möchte. Stattdessen muss sich im absurden Happy Ending wieder ausgiebig geknuddelt werden und kein Doppelgänger-Gag wird liegen gelassen. Das ist – so cheesy und altbacken es anmutet – dann fast schon wieder schön.

Samstag, 1. Februar 2020

Erinnerungen an die Flimmerkiste, oder: Warum wir uns das Intro anschauen sollten

Am Anfang einer Serie oder eines Filmes stehen die Namen ihrer Erschaffer. Hier zollt das Kunstwerk, das Produkt, der Content (jeder nehme sich, was er verdient hat) jenen Tribut, denen es seine Existenz verdankt. Serien-Intros beinhalten in aller Regel den Theme-Song, die Erkennungsmelodie einer Sendung, dem Jingle in einer Werbesendung gleich. Das musikalische Thema einer Serie ist wie ein Anker in der Erinnerung des Zuschauers. So wie die Musik die Träumer aus „Inception“ wieder in die Realität zurückholt, werden sie in der Erinnerung an die Serie wieder in den Traum zurückversetzt. - Oder so ähnlich. Folgt mir in die Erinnerungen an meine TV-Vergangenheit oder nutzt den "Nostalgie-Blödsinn-Überspringen-Button", um direkt zum letzten, garantiert Nostalgie-freien Kapitel vorzuspringen.

Nostalgie-Fetischismus

Manchmal, nach einiger Zeit etwa, werden die Theme-Songs der eigenen medialen Sozialisation Bestandteil eines gemeinschaftlichen Happenings, eines seltsamen nostalgischen Rituals. Zum Beispiel am Silvesterabend, wenn die Raketen gestartet sind und die Böller explodiert. Wenn man kraftlos in den Seilen hängt, aber noch genügend Kraft findet, um die Songs einer gemeinsamen Fernseh-Vergangenheit mit Inbrunst zu intonieren. Dann ergeht man sich in einer nostalgischen Vorstellung davon, wie es einmal war, als man noch bei den Eltern wohnte und Mittags nach Hause kam, um ein bisschen Hausaufgaben zu machen und ein bisschen (viel) Fernsehen zu glotzen. Bis Muttern nach Hause kam und gefragt hat, wie lange man schon dort sitzt, auf dem Sofa, auf der Flimmerkiste wird gerade eine Leiche gefunden und ein junger Detektiv fahndet nach ihrem Urheber, und man schwindelt ein wenig und Muttern weiß das, aber sagt nichts. Und manchmal gibt’s Fernsehverbot, aber das nützt nichts, denn dann fährt man zu Oma und schaut dort Fernsehen und kriegt Gutfried-Wurst und Süßigkeiten und Tee mit so viel Zucker, dass der Löffel aufrecht stehen bleibt. So zumindest die Erinnerung.


Jedenfalls singt man diese Lieder am Silvesterabend mit seinen Freunden und faselt irgendwas von Monster fangen und catch 'em all und Digitationen und so weiter und so fort. Und man geht auf YouTube und geht auf die Suche nach den Intros der Serien dieser gemeinsamen TV-Vergangenheit. Man geht auf die Suche nach Erinnerungen. Und natürlich liegt an diesem Abend auch Schwermut in der Luft, denn diese Zeit ist vorbei und sie wird nie wiederkommen und das Intro, das man gerade schaut, ist auf irgendeine bittersüße Weise mit all diesen Dingen verbunden. Und da sind Superkämpfer mit blondierten Haaren, die sich kilometerweit in Berge kloppen; das glimmende Rot am Anfang, dann der Drachenball und das Versprechen all die geheimsten Wünsche Wirklichkeit werden zu lassen. Und dann dieses Lied, dieses sinnlose Chala - Head – Chala, das man sich auf dem Pausenhof vorgesummt hat, weil es nichts cooleres gab und niemals etwas cooleres geben könnte als diese Serie, dieses Intro, dieses Lied.

Andere Serien waren da zeitloser und nicht derart auf die eigene nostalgische Sentimentalität angewiesen. Shows wie „Hey, Arnold“ schnippten lässig zum Saxophon des Intros, schlenderten durch ein schockierend grausiges New York City und lassen eine TV-Erinnerung heute mit anderen Augen sehen, ohne in Fremdscham auszubrechen. Ganz ähnlich verhält es sich mit „Doug“, die Serie um einen schüchternen Jungen, sein Tagebuch und das Erwachsenwerden. Dessen Intro beginnt mit einem weißen Blatt Papier, einem Stift, der Gott-gleich aus dem Nichts eine erste Linie erschafft und plötzlich steht Doug auf dem Plan. Anschließend sieht man dessen Freunde, mit so seltsamen Namen wie Skeeter Valentine (wobei es sich bei Skeeter lediglich um einen Spitznamen handelt, sein wirklicher Name lautet Mosquito), Patti Mayonnaise oder Roger Klotz (das ist der Jock, der Bully, in Lederjacke und mit hochgegelten Haaren). 

 
Das lässige Lied dieses Intros schien zu sagen „nimm's mal etwas lockerer Doug, alles wird gut“ und Doug schaute sich nervös um und schrieb in sein Tagebuch. Er schrieb von seiner heimlichen Liebe zu Patti und was er in den Begrenzungen einer 20-Minuten-Episode alles gelernt hatte. Und vielleicht, aber wirklich nur vielleicht, war man selber so abhängig von dieser Serie und seinen Geschichten, dass man in der fünften Klasse in einem Aufsatz zum kreativen Schreiben einfach eine Folge davon nacherzählte, mit allen Dialogen und ganz bestimmt nicht in der Form eines Theaterstücks, sondern so wie Kinder eben nacherzählen. Und vielleicht gab es auf diesen Aufsatz, der eigentlich ein Plagiat war, eine Fünf.

Vergangenheit und Zukunft - die Renaissance des Fernsehens

Die sogenannten Qualitätsserien des nun verlautbarten Golden Age of Television, das Quality-TV, dessen Keimzelle der Kabelsender HBO war (wenngleich sich darüber sicherlich streiten lässt), hatten Intros, die die Themen der Serie bereits deutlich filmischer dachten. Vielleicht so filmisch wie die Macher von „Cowboy Bebop“, die ihre Serie mit einem stilvollen, altmodischen Intro veredelten. Hier wurde das Intro, wie es schon im Kino lange zuvor praktiziert wurde, aber dann zusehendes vergessen, zu einer eigenen Kunstform erhoben - man denke als Referenz nur an Hitchcocks meisterhaftes Intro zu „Vertigo“ oder "Psycho", dessen Titelkarte noch vor seiner Protagonistin brutal zerschnitten wurde. Beide Intros wurden vom Pionier der Filmtitel-Gestaltung, Saul Bass, arrangiert, der auch das stilbildende Intro zu Otto Premingers „The Golden Arm“ zu verantworten hatte. Aber auch Hitchcock selbst experimentierte schon zu Stummfilm-Zeiten mit Titelkarten (siehe: „The Lodger“), was wenig überrascht angesichts der Tatsache, dass er selber als Titelkarten-Designer im Filmgeschäft begonnen hatte, bevor er zum vielleicht prägendsten Regisseur aller Zeiten aufsteigen sollte.


Thomas Edison, eigentlich Pionier im Bereich der Elektrifizierung durch Glühbirnen, aber auch Unternehmer und Filmproduzent mit eigenem Studio (sowie Patentinhaber eine der ersten Filmkameras überhaupt), setzte schon früh vor seinen Produktionen Filmkarten ein, um darauf seinen Urheberrechtsanspruch am Spielfilm geltend zu machen. Schauspieler-Namen wurden auf diesen frühen Titelkarten jedoch nicht genannt - ganz im Gegenteil: es wurde sogar ganz bewusst auf eine namentliche Nennung verzichtet, um die Darsteller unbekannt zu halten und damit steigende Lohnforderungen dieser zu umgehen, die mit deren steigender Popularität zu erwarten gewesen wären. Die Geschichte des Intros ist also, natürlich, eine große Erkenntnis ist das nicht, auch immer eine Geschichte des Kapitalismus.*

*ab den 50er Jahren wurde dann standardmäßig jeder Beteiligte am Spielfilm namentlich genannt
 
Man denke auch für einen Augenblick an „Seven“, dessen Titel-Sequenz von Kyle Cooper gestaltet wurde, und David Fincher als einer der wenigen gegenwärtigen Filmemacher, der dieser vergessenen filmischen Form auch im Mainstream noch einen Raum gibt. Das Qualitätsfernsehen sorgte womöglich für eine Renaissance dieser verschollen gegangenen Kunstform, mit Tony Soprano ließ sich über die Straßen New Jerseys cruisen und dabei die Aussicht genießen, bei „The Wire“ wurden die Themen der Serie über Großaufnahmen auf die in der ersten Staffel zentrale Abhörtechnik in einer Montage verdichtet.


Die HBO-Produktion „True Detective“ machte beispielsweise den Double-Exposure-Effekt (wieder) populär, also die gezielte Projektion eines Bildes auf das andere. Dadurch entstehen fast surrealistisch anmutende Bildkreationen. Mittlerweile hat sogar die Werbeindustrie, oder vielleicht gerade diese, diesen Effekt für sich entdeckt und ausgiebig davon Gebrauch gemacht. In den Werbepausen von Tennis-Matches sieht man den Effekt in Spots für exotische Urlaubsziele oder Uhrenmarken aus der Schweiz. „True Detective“, jedenfalls, holte das Okkulte, das Mythenhafte, das Unterbewusstsein der Südstaaten bis in sein Intro. Da werden Bilder in die Köpfe der Protagonisten projiziert, und das sind die Topographien ihrer Alpträume, ihrer Traumata, da werden Bilder auf Landschaften projiziert, und das ist die Vergangenheit, oder die Erinnerung daran, mit der diese Orte beladen sind. Der Effekt erlaubte es der Serie, ihre Themen noch vor dem ersten gesprochenen Worten ästhetisch, das heißt motivisch, anzudeuten und den Zuschauer gleichermaßen auf sie vorzubereiten. Die Erzählung beginnt dadurch schon mit dem Intro und nicht erst danach.

Teen-Kitsch und weitere Peinlichkeiten

Doch das ist schon wieder viel zu gut. Viel interessanter wird’s in der zweiten Reihe, in den schwerelos schwebenden Köpfen mittelklassiger Schauspieler oder der besonders bei Telenovelas und Soap Operas beliebten, dramatischen Drehung zur Kamera hin. Angesichts der überwältigenden Anzahl an Seifenopern (allein in Deutschland, aber auch im Soap-Opera-süchtigen Mittel- und Nordamerika dürfte sich einiges addieren) könnte dies sogar die am weitesten verbreitete Machart für TV-Intros generell sein. Auf dem mittlerweile leider eingestellten YouTube-Kanal „Gute Arbeit Originals“ wird ganz gut deutlich, nach welchem Schemata diese Intros funktionieren. 


Besonders eingebrannt hat sich bei mir allerdings das Intro zu einer ganz anderen Serie: „Smallville“, die Prequel-Serie zum Mann aus Stahl. „Somebody save me“ klingt es da und „ja bitte, rette diesen Nachmittag“ klang es zurück. Die Namen der Schauspieler haben sich bis heute eingebrannt, wenngleich es keinem der Schauspieler gelang, über die langlebige Serie hinaus besondere Aufmerksamkeit zu generieren. Die größte Aufmerksamkeit generierte dabei noch ein Skandal um die Verstrickung zweier Darstellerinnen der Serie in eine als multi-level-marketing-company getarnte Sekte, die ihre Mitglieder mit Brandzeichen markierte (hier sei der Podcast „Escaping NXVIM" empfohlen). Apropos: Lex-Darsteller Michael Rosenbaum macht mittlerweile Podcasts.

Aber zurück zum Intro: da sind Gesichter, die erwartungsvoll zur Kamera blicken, sehnsuchtsvoll, vielleicht ein bisschen verwirrt. In der aufleuchtenden Schrift lag das Versprechen, für eine Stunde in Kansas zu sein, in den Cafés, den Fluren der Highschool – im Herzen Clarks, der unbedingt das Herz von Lana erobern wollte, und gleichsam unbemerkt von Chloe belagert wurde. Echter Kitschnudel-Salat vom Feinsten.

Schön pixelig, da fühlt man sich doch direkt in die 90er zurückversetzt

Eine andere Serie führte uns bis in die Schlafzimmer der Jugendlichen. Dort wurde Fernsehen geschaut, kommentiert von einem Filmnerd, der die Worte eines Filmnerds in den Mund gelegt bekam. Und da ist eine Gruppe Jugendlicher, die einfach nur am Strand herumtorkeln und verliebt sind und dann wieder nicht und dann ganz traurig und dann wieder alles ganz von vorn. Und dann erst dieser unglaublich süße Blick von Katie Holmes im Intro, wenn sie lächelnd die Augen verdreht und man sitzt nur dort und möchte ins Kissen beißen vor lauter, Entschuldigung, cuteness. Das Intro vermittelt einem in konzentrierter Form, was die Serie jenen bedeutet haben muss, die sie zum Zeitpunkt ihrer Ausstrahlung regelmäßig verfolgten.

„I don't want to wait for our lives to be over, I want to know right now, what will it be? I don't want to wait for our lives to be over, Will it be yes or will it be... sorry?“

Interessanterweise wurden einige Songs, die in der TV-Veröffentlichung noch zu hören waren, in der DVD-Auswertung aufgrund der hohen Kosten für die Lizenzen der Original-Songs ausgetauscht – darunter auch der Intro-Song von Paula Cole, welcher durch Jann Ardens „Run Like Mad“ ersetzt wurde. Die Dringlichkeit jugendlicher Vorstellungswelten bringt dieses Intro, in seiner originalen Vertonung, auf den Punkt, aber auch die sentimentale Schwermut, die einen wohl zwangsläufig ereilt, wenn man dort sitzt, am Pier und und das Wasser schwappt und die Sonne langsam dahingeht.

Warum nun dieser Text? – Ein Plädoyer 


Der eigentliche Grund für diesen Text liegt beim Streaming-Dienst Netflix und seiner Umgangsform mit den Vor- und Abspannen seiner Inhalte. Schaut man sich dort eine Serie an, scheint nach wenigen Sekunden ein Button auf, der es einem erlaubt, das Intro zu überspringen. Beim Abspann ist diese Handlungsoption sogar überhaupt nicht mehr vorhanden, hier wird der Abspann augenblicklich zu einem kleinen Fenster minimiert, die Namen sind nicht mehr lesbar (je nach Größe des Fernsehgeräts natürlich) und der Rest des Bildschirms wird mit einer Werbung für einen weiteren Netflix-Inhalt bespielt.

Diese Praxis scheint man sich von den privaten Fernsehsendern abgeschaut zu haben, die auch keine Sekunde Sendezeit darauf verwenden, den Abspann zu zeigen. Ehe man auch nur realisiert hat, dass man am Ende der Sendung angelangt ist, findet man sich dort schon wieder in einer Werbepause wieder. Angetrieben werden diese Funktionen natürlich von der gleichen wirtschaftlichen Prämisse, die auch die algorithmischen Strukturen von Video-Plattformen wie YouTube fundamental bestimmen: jede Sekunde, die der User auf der Plattform verbringt, ist Geld. Jede Sekunde, die nicht darauf verwendet wird, Inhalte zu konsumieren (statt zu reflektieren) ist eine Sekunde, die keine wertvollen digitalen Daten produziert.

Der Intro-überspringen-Button steht nicht zufällig auf einer Plattform zur Verfügung, auf der mit der ersten Staffel „House of Cards“ das sogenannte „binge watching“ möglicherweise erfunden, jedenfalls aber populär gemacht wurde. Denn das binge watching ist genau das: der kontinuierliche, nicht abreisende Konsum von Fiktion, die völlige Versenkung in einer Geschichte über einen längeren Zeitraum hinweg. Paradoxerweise ist dies das genaue Gegenteil von dem, was das Format einst versprach: ein Wiedersehen mit alten Bekannten, ein ständiger Begleiter, ein Ritual, das die Woche strukturiert. Eine Serie zu bingen ist also vielleicht eher mit dem „binge reading“ eines Romans zu vergleichen. Und als solche rezeptive Erfahrung ist sie sicherlich auch nichts neuartiges.

Für Netflix ist das Intro lediglich eine Störung, der Abspann nur der Augenblick, zur nächsten Episode, zum nächsten „content“ zu schalten. Und natürlich machen diese Funktionen gerade hier Sinn. Dahinter liegt eine Ideologie des dauerhaften Konsums. Die überall grassierende Spoiler-Phobie verhindert die gemeinsame Reflexion sowieso die meiste Zeit, also schaut jeder seine Serien und Filme in seinem eigenen Tempo. Das Intro entstammt also einer Zeit, in der die Übermoderne und seine Beschleunigungseffekte noch nicht derart umfassend unser Rezeptionsverhalten verändert haben. Mit der zunehmenden Beschleunigung des eigenen Sehverhaltens wird Zeit scheinbar - im ökonomischen Sinne natürlich überhaupt nicht scheinbar – kostbarer.

Aber das ist es nicht. Nicht wirklich. Denn mehr noch als reine Respektsbekundung gegenüber den Machern eines Filmes oder einer Serie oder als verzweifelte Form antikapitalistischen Widerstands sollten wir uns den Vor- und Nachspann aus eigenem Interesse ansehen. Denn das Schwarz, das auf das letzte Bild folgt, wie auch das Intro, das wir bereits etliche Male gesehen haben, schult das eigene Sehen. Und es positioniert sich gleichsam gegen eine Ideologie des dauerhaften, unreflektierten Konsums und erobert sich kleine Inseln der Selbstbefragung zurück. Im wiederholten Sehen des Intros schärfen wir unseren Blick für Details, geben uns Raum, die eigenen Erwartungen zu sortieren. Im zumeist schlichten Abspann kann das Gesehene dann verarbeitet und kritisch hinterfragt werden, vielleicht auch einfach nur die Empfindungen empfunden werden, die der Film oder die Serie in uns ausgelöst hat. Und vielleicht ereilt uns im Schwarz des Abspanns sogar ein fruchtbarer Gedanke, scheinbare Kleinigkeiten erlangen Bedeutung, scheinbare Großartigkeiten werden unter dem kritischen Blick wieder rissig. So wird aus dem passiven Konsum vielleicht wieder ein bewusster, reflektierter Umgang mit den Fiktionen unseres Alltags – und durch unseren Umgang das Fernsehen und das Kino wieder ein kleines bisschen... geiler.

Dienstag, 28. Januar 2020

Mittelklasse - "The Commuter" [US '18 | Jaume Collet-Serra]

An der Stelle des Films könnte man noch denken: "Joar, nicht uninteressant."
Vorsicht: das ist die Falle!
Ein Mittelklasse-Film über die Mittelklasse für die Mittelklasse. Neeson beschützt nun auch schon seit Jahrzehnten seine Familie vor verschwörerischen Kreisen, denn wer Familie sagt, macht sich keine Feinde. Jetzt zeigt er zusätzlich dazu einem Goldman Sachs-Trader den Mittelfinger, denn wer „die da oben“ sagt, klingt kritisch und ist doch vollkommen beliebig dabei. Die Mittelklasse erweist sich zudem als perfektes Zielpublikum. Selbst derjenige, der sich faktisch nicht hinzuzählen kann, fühlt doch zumindest eine geistige Verbundenheit und versucht ökonomisch Anschluss zu finden. „Commuter“ ist ein Film für Leute, die mit dem Geländewagen vor dem Multiplex vorfahren und sich beim Mittelklasse-Kitsch von Neeson dennoch verstanden fühlen. Dabei ist das alles auch noch so gut besetzt, dass man manchmal vergisst, wie billig das Ganze ist. Daran erinnert einen dann Collet-Serra, der CGI-Tricks mit Action verwechselt. Ich muss aufhören, seine Filme zu schauen.

Sonntag, 19. Januar 2020

"My Best Friend's Wedding" [US '97 | P. J. Hogan]


Julia Roberts ist von einem anderen Stern. Wie sie dort steht, mit dem festen Schritt und dem Blick, fest auf ihn gerichtet. Wie sie strahlt, auch wenn sie weint. Wie sie strahlt, wenn sie ein herzliches Lachen imitiert. Denn das kann niemand so gut wie sie. Sie strahlt bis in die hintersten Sitzreihen hinein, erhellt die finstersten Ecken und Winkel, in die sich der Zyniker gerne zurückzieht, um nicht erhellt zu werden. Gleichzeitig fühlt man sich auf intimste Weise mit ihr und ihrem Schicksal verbunden. Das ist auch das Unheimliche an einer großen Schauspielerin wie sie eine ist. Wir möchten ihr alles glauben, wissen aber um die Illusion des Kinos, die sie uns vergessen macht. Und kaum jemand belügt uns so charmant wie sie. In einer Szene tuckert sie mit ihrem besten Freund (er heiratet in wenigen Tagen eine andere, sie ist nach wie vor in ihn verliebt) auf einem Fährschiff einen Fluss hinunter. Die Kamera muss für diese Szene überhaupt nicht viel machen, sie nimmt die Darsteller lediglich in die Nahaufnahme und lässt die Stadt im Hintergrund vorbeiziehen - die Szenerie ist bereits hinreißend genug. Die Musik glaubt in diesem Moment große Gefühle evozieren zu müssen, schwillt an und ab, dabei sind alle Zutaten längst beisammen, alle Dinge von Bedeutung, die diese Szene vermitteln soll, ganz deutlich erkenn- und spürbar, in die Gesichter eingeschrieben, den Worten konnotiert.

Kurz vor der Hochzeit hinterfragt er seine Entscheidung, wagt mit ihr einen Blick zurück auf ihre frühere Beziehung. Es ist der perfekte Augenblick für sie, ihm ihre Liebe zu gestehen - im Moment seines Zweifelns. Doch sie schweigt und der Augenblick zieht vorüber. Mit ihnen verstummt die Musik. Ihr Freund beginnt zu singen, ihren Song, den alten, „The Way You Look Tonight“ von Tony Bennett. Und Mensch, könnte das kitschig sein. Doch die Reduktion der Geräuschkulisse, die Farbpalette, die fehlenden Weichzeichner machen das fast schon zu einer Verschmelzung von Classical und New Hollywood; klassisch in seinem Sentiment, im Drang, in der Musik den absoluten Ausdruck zu finden (heute wird viel zu wenig gesungen), aber geerdet in seiner filmischen, seiner ästhetischen Haltung. Es ist jener Augenblick unerfüllter Sehnsucht, die im Gesicht von Roberts einen Ausdruck findet, ohne sich in einer großen Geste verraten zu wollen. Es ist nur eine Träne, die sich augenblicklich wieder aus dem Gesicht gewischt wird, um die Illusion aufrecht zu erhalten. Dann lächelt sie wieder und erhellt damit jeden finsteren Winkel - auch wenn sie eigentlich weinen möchte. Ja, gerade dann strahlt sie am hellsten.

„Some day, when I'm awfully low
When the world is cold
I will feel a glow just thinking of you“

Mittwoch, 15. Januar 2020

Jahresrückblick 2019

Kurze Geschichte kurz: ich kam nicht mehr in meinen Google-Account hinein, jetzt bin ich wieder drin, deswegen gibt es jetzt einen Jahresrückblick. Es war schön. Qualität und Quantität haben in meinem Filmjahr geheiratet und das sind die wunderschönen Babys. Viel Vergnügen.

„Porträt einer jungen Frau in Flammen“ 
von Céline Sciamma 


Muss ich ein zweites Mal sehen. Mein Kopf war da, mein Herz blieb stumm. Manchmal ist das so. Ähnlich wie bei „Phantom Thread“ scheint dies ein Film zu sein, der mit jeder Sichtung wächst, der sich immer wieder befragen und untersuchen lässt und der einen doch immer wieder an einen anderen Punkt führt. PS: Vivaldi ging mir nie näher.

„Systemsprenger“ 
von Nora Fingscheidt 


Die kaum zähmbare Hauptfigur findet auch in der Form des Films Ausdruck. Trotz der Dokumentarfilm-Vergangenheit der Regisseurin geht diese extrem gestalterisch mit dem Material um und führt damit im besten Sinne zu einem auslaugenden, anstrengenden Filmerlebnis. In meiner Kino-Vorstellung konnte es sich eine gewisse Dame nicht verkneifen, den gesamten Film pädagogisch kommentierend zu begleiten - ich verlange die Höchststrafe!

„John Wick: Chapter 3 - Parabellum“ 
von Chad Stahelski 


Wenn Waffen und Körper zum Tanz bitten, möchte man nicht stillsitzen. Eines der schönsten Kinoerlebnisse überhaupt.

„Shoplifters“ 
von Hirokazu Kore-eda 


Nicht dieses Jahr, schon klar, aber Ende letzten Jahres erschienen, deswegen hier drin. In einer Szene ist die Familie am Strand, der Vater mit dem Sohn im Wasser und klärt diesen über Sexualität auf. Schöner, unaufgeregter, beiläufiger, lässiger geht es einfach nicht.

„Marriage Story“ 
von Noah Baumbach


„Typisches Oscar-Material“ ist erstmal überhaupt keine ernstzunehmende Kategorie von Kritik. Baumbach ist nicht nur ein sehr guter Autor, sondern auch ein sehr eleganter Filmemacher. Er ist auch nicht der neue Woody Allen, sondern einfach besser als dieser je war. Die „Blick-Regie“ wenn die beiden Parteien das Tor zum Grundstück zuschieben, die juristische Verhandlung, die von der Essensbestellung unterbrochen wird, die versehentliche Schnittverletzung, das Lesen eines Briefs, das Singen eines Liedes – mit den Lieblingsmomenten hätte ich den Film nacherzählt.

„Upgrade“ 
von Leigh Whannell 


Zugegeben, Whannell hat sich nach „Insidious: Chapter 3“ (ohne den Film gesehen zu haben) vermutlich nicht sofort verdächtig dafür gemacht, mal auf irgendjemandes Bestenliste für irgendwas zu landen. Aber es ist passiert. Nach dem tollen „The Invitation“ beweist Hauptdarsteller Logan Marshall-Green ein weiteres Mal ein sehr gutes Händchen für kleine Genre-Perlen und läuft seinem Look-alike Tom Hardy mittlerweile fast schon den Rang ab. Über den Film möchte ich überhaupt nichts verraten. Nur so viel: er ist gut.

„Dragged Across Concrete“ 
von S. Craig Zahler 


„Der Preis für den schönsten Filmtitel des Jahres steht schon mal fest.“ […]

„The Sisters Brothers"
 von Jacques Audiard 


„Eine kurze Pause vom ewigen Gereite und Geschieße, ein erleichtertes Ausatmen, eine heiße Badewanne. Eine Pause vom dem, was erwartet wird, aber nur kaputt macht. Eine Pause vom Western.“ […]

„Parasite“ 
von Bong Joon-ho

 
Selten einen so konzentrierten Film gesehen, der der konkreten künstlerischen Vision seines Machers derart nahezukommen scheint. Vor allem beweist Bong Joon-ho, dass die vermeintlichen Gräben zwischen Genre, Mainstream und Kunstkino nichts als selbst-induzierte Illusionen sind. „Parasite“ wird überall gefeiert, völlig zu Recht.

„Galveston“ 
von Mélanie Laurent


Die arme Laurent hat vergangenes Jahr nicht nur die heiße Mieze für Chauvi Michael Bay geben müssen, sie durfte auch diese sehr traurige, sehr tolle Romanverfilmung drehen. --->

„Eighth Grade“ 
von Bo Burnham 


„In den Komplikationen des Alltags, den Hürden zwischenmenschlicher Kommunikation, in den schmerzhaften, aber zugleich Glück verheißenden Annäherungen an den Anderen, sucht Burnham nicht zuvorderst die Lacher, sondern einen gemeinsamen Nenner in den verwirrenden, ängstigenden Erfahrungen des Menschseins.“ […]

„Ad Astra“ 
von James Gray 


Brad Pitt in einer seiner besten Rollen. Kleine Kritik kommt noch.


Bitte nicht vergessen (erweiterter Kreis)
„Border“ von Ali Abbasi
„American Factory“ von Steven Bognar & Julia Reichert
„Midsommar“ von Ari Aster
„The Lighthouse“ von Robert Eggers
„The Irishman“ von Martin Scorsese
„Psychobitch“ von Martin Lund
„Once upon a Time … in Hollywood“ von Quentin Tarantino
„Amazing Grace“ von Alan Elliott & Sydney Pollack
„Climax“ von Gaspar Noé
„The Favourite“ von Yorgos Lanthimos
„Asche ist reines Weiß“ von Jia Zhangke

Mittwoch, 27. November 2019

Die da oben - "The Boys" [US '19 | Season 1]


Selbst der harte Brite mit dem süffisanten Grinsen im Gesicht (Karl Urban) sitzt hier irgendwann mit dem Protagonisten auf der Parkbank und erzählt von seinen persönlichen Verlusten, den Schmerzen, die sie verursachen und dass er diesen deswegen total verstünde. Vermutlich ist das diese Charakterisierung von der immer alle erzählen und die ist immer ganz leicht daran zu erkennen, dass die Stimmen der Schauspieler ganz tief werden und der Blick glasig in der Erinnerung erweicht und filmisch ist das im Grunde immer Schuss/Gegenschuss und ich könnte jedes Mal vorspulen, wenn ich mir diese so säuberlich getrennten Dramaparts in amerikanischen Serien antun muss, um die guten Sachen sehen zu dürfen, bzw. die Dinge, die es nur dort zu sehen gibt. Zum Beispiel eine Gruppe zusammengewürfelter Jungs, die einen unzerstörbaren, unsichtbaren Superheld gefangen halten und darüber rätseln, wie sie ihn töten könnten, während eine Art Superman über die Stadt hinwegfegt und nach seinem Helden-Kollegen Ausschau hält; den Jungs geht der Kackstift, das ist nur verständlich und der Perspektivwechsel macht Spaß, wo man im Kino doch bislang stets auf der Seite der Helden stand und selten gegen ihn agieren musste. Ganz plötzlich werden so die Nachteile absolut konzentrierter Macht deutlich.

Die Spaßigkeiten dieser unkonventionellen Prämisse gestaltet "The Boys" aber leider allzu konventionell aus. Das ewige Gelaber habe ich bereits erwähnt, jedes Trauma wird sich erzählt, jede Motivation, gerade dies oder jenes zu tun, ausführlich dargelegt und besprochen, damit auch ja nichts ungesagt bleibt. Das ist dann auch immer ganz klar von den schwarzhumorigen Teilen der Serie getrennt, wenngleich man sich auch hier eher auf dem pubertären Gewalt-ist-geil-Niveau anderer Superhelden-Stoffe bewegt, die R-Rating mit Erwachsenenunterhaltung verwechseln. Die Serie hat zudem ungleich höhere Ambitionen und möchte sich offenbar darüber hinaus, oder zuvorderst, als kritische Satire auf, ja, eigentlich alles verstanden wissen, das in den USA irgendwie eine geeignete Zielscheibe abgibt. Die Superhelden-Branche ist gänzlich privatisiert, die Medien und sozialen Netzwerke dienen als nützliche Mittel zu ihrer Vermarktung, die Politik wird im Verborgenen manipuliert und die Kirche stülpt den Brands der Superhelden auch noch irgendwelche Erlöser- und Erretter-Mythen über. Überhaupt sind die Mächtigen hier alle korrumpiert und alle tragen Masken und dahinter gilt es dann das wirkliche, das - natürlich - tief böse Gesicht der vermeintlich altruistisch agierenden Superhelden zu erkennen.

Dazu gibt es dann Bilder, die man eben erwarten kann, wenn im Fernsehen über Macht erzählt wird: falsche Reden, falsches Grinsen, falsches Winken vor jubelnden Massen, während man hinter vorgehaltener Hand die Wahrheit spricht. "The Boys" ist die Serie für den Verschwörungstheoretiker, der glaubt, über eine 2 stündige Internetrecherche die Verästelungen der Macht durchschaut zu haben und sich in jedem Vorurteil über Macht und Personen der Macht bestätigt sehen darf. Gerade ästhetisch bleibt bei alledem jedoch wenig hängen, vielleicht der Schuss von Homelander (Superman), wie man ihn durch das Fenster eines Flugzeugs am dunklen Nachthimmel erblickt und dieser einem kleinem Jungen im Flugzeug zuwinkt, ehe sich seine Augen rot färben und er das Flugzeug gewaltsam vom Himmel holt. Diese Szene ist auch stellvertretend für das, was die Serie einem am besten vermittelt: die Angst der Menschen vor den Helden und ihren gottgleichen Fähigkeiten, sogar die Angst und Skepsis der Superhelden untereinander. Die Herangehensweise Snyders bei seinem großen Superhelden-Clash, nämlich die Helden ganz ernsthaft in die gegenwärtigen Machtstrukturen zu situieren, nimmt „The Boys“ wirklich ernst, findet bei Zeitlupen-Gore und cooler Musik aber zu keinen erhellenden Einsichten.  

Montag, 18. November 2019

Wellen reiten - "Das Meer war ruhig" [JP '91 | Takeshi Kitano]


Fun Fact: die Müllabfuhr hinterlässt beim Abholen des Mülls immer selbst ein bisschen Müll. Bei dieser Müllabfuhr, jedenfalls, arbeitet ein junger Mann, der nicht hört und nicht spricht, aber natürlich trotzdem erzählt. Sein Körper erzählt beim Reiten der Wellen mit seinem notdürftig reparierten Surfboard, sein Gesicht erzählt, wenn es stoisch auf den Horizont, auf das Meer ausgerichtet ist. So wie dieser Film erzählt, gerade wenn nicht gesprochen wird, wenn sich die Prozesse wiederholen und wiederholen und wiederholen, bis der Stand auf dem Board ganz fest geworden ist und jede Welle eine Einladung. Der Film genießt zudem das Privileg, von der Musik Joe Hisaishis beseelt zu werden. Erst diese lässt die Bilder melancholisch flimmern. Ich musste an den viel späteren „Paterson“ von Jarmusch denken, der konzeptionell natürlich viel klarer und ausgefuchster ist. Das hemdsärmelige, rohe, filmisch nicht immer ganz glückende von „Das Meer war ruhig“ doppelt sich interessanterweise auch in der dezenten Aufstiegsgeschichte des Protagonisten. Vielleicht ist der Film das Äquivalenz-Stück zu den Slacker- und Surfer-Filmen aus den USA, wenngleich die kulturellen Unterschiede offenkundig sind. Statt eines ziellosen Umherirrens, findet der Protagonist ja gerade zum scheinbar ersten Mal in seinem Leben zu einem Ziel und ist den gesamten Film über ganz und gar fokussiert darauf, ein besserer Surfer zu werden. Das äußert sich im Film dann darin, dass er es bis in das Halbfinale eines regionalen Surf-Wettbewerbs schafft. Das war es dann aber auch schon. Es gibt keinen dramatischen Finalsieg, keine jubelnde Menge, sondern einfach nur den deutlichen Fortschritt der eigenen Fertigkeiten und den Respekt der Surfer-Kollegen. Zum Schluss lässt Kitano nochmal alle Figuren seines Filmes ganz im Doku-Stil mit ihren Surfboards in die Kamera blicken, Joe Hisaishi und seine Musik ziehen einem Schuhe mitsamt Socken aus, dann ist der Film zu Ende. Manchmal ist es einfach ganz einfach.

Dienstag, 15. Oktober 2019

Muskeln mit Herz - "Lock Up" [US '89 | John Flynn]


Ich kann mich an den Vater meiner Mutter, meinen Opa, kaum erinnern. Er ist wohl ein lieber Mann gewesen und hat mit mir als Kleinkind sehr viel gespielt. Mit Blick auf dessen VHS-Sammlung hätte man diese Sensibilität vielleicht nicht sofort erahnt. Neben einigen Disney-Filmen für die Enkel, bestand diese nämlich fast ausschließlich aus Kriegs- und Actionfilmen der 80er und 90er Jahre. Die Cover dieser Filme haben sich mir, anders als die Titel, fest eingebrannt. Eines dieser Cover zeigte Sylvester Stallone in Handschellen, die dieser fest gespannt vor sich hielt. Die gestählten Muskeln von Stallone machten einen Glauben, er könnte die Ketten jeden Moment zum Bersten bringen.

Das Cover gehörte zum Film „Lock Up“ - und kannte man wie ich bisher nur dieses grandiose Cover, rechnete man möglicherweise mit einem raubeinigen Gefängnis-Film und erwartete Stallone als unverwüstliche Kampfmaschine, die möglicherweise eine Häftlings-Revolte anzettelt, eine Gang gründet oder was man als harter Kerl in einem Gefängnis halt sonst so macht. Doch wie so viele von Stallones Rollen, die im Nachhinein zur tumben Haudrauf-Figur umgedeutet oder schlichtweg falsch erinnert wurden, ist dessen Figur auch in diesem Film um ein vielfaches sensibler als es der Blick auf das Cover erahnen lässt. Ähnlich wie John Rambo widerfährt Stallone als Musterhäftling Frank Leone vor allem jede Menge Unrecht und jeder Gewaltakt, der von ihm ausgeht, ist eine Gegenreaktion auf die Intrigen von Gefängnisdirektor Drumgoole, der von Donald Sutherland in etwa dem selben Modus gespielt wird, in dem Lena Headey die finale Staffel „Game of Thrones“ Wein-schlürfend absolvierte. Der fiese Direktor hat jedenfalls noch eine persönliche Rechnung mit Frank offen, steht andauernd am Fenster und grinst ein wenig schräg. Die Figur lässt sich dabei als Verkörperung der Vergeltungsjustiz lesen, die in seinen ständigen Versuchen, Stallones Figur zu provozieren, die Vergeltungsfantasien in diesem zu wecken versucht, um schlussendlich das eigene, System-inhärente Handeln zu legitimieren.

In einer wunderbaren Montage restaurieren Stallone und seine Kumpels einen schicken Oldtimer, alle haben mächtig Spaß, Stallone gefällt sich in der Rolle des ruhigen, strategisch denkenden Mechanikers, den er in seiner Karriere immer wieder gegeben hat und in der „Expandables“-Reihe bewusst forcierte, aus Jux und Tollerei bespritzen sich die Jungs noch mit ein bisschen Kühlflüssigkeit und Lackierfarbe und sie gehen voll auf in dieser gemeinsamen Tätigkeit, etwas vermeintlich Ausrangiertes und Kaputtes wieder aufzubauen – das Auto also als Symbol für den Resozialisierungsgedanken.

Im Anschluss an diese Montage darf einer von Stallones Gefängnis-Kollegen (Larry Romano, der den Macho Ricky in „The King of Queens“ spielte und hier einen Macho spielt) ein paar Runden mit dem restaurierten Auto in der Werkstatt drehen, nachdem er Stallone erzählt, dass er lebenslänglich bekommen hat und nie die Chance hatte, richtig Auto fahren zu lernen. Bei ausgeschaltetem Motor schiebt Stallone also das Auto, sein Kumpel Romano darf etwas lenken üben und Stallone beginnt den Raum der Werkstatt in seiner Imagination umzugestalten. In ihren Fantasien drehen sie dann ein paar Runden über den Broadway, halten Ausschau nach heißen Bräuten und haben einfach eine gute Zeit. In diesen kurzen, prägnanten Szenen wird das Auto als Symbol extremst aufgeladen, weswegen die darauf folgenden Szenen umso beeindruckender sind. Nach einer kurzen Spritztour bis in den Innenhof des Gefängnisses wird das Auto vor den Augen der Insassen, auf direktem Befehl vom fiesen Direktor, nämlich komplett zu Klump gehauen. Und das ist ganz großartig, weil dort zum einen Männer stehen, die ein schönes Auto zerstört sehen müssen, zum anderen, weil dort auch ein Symbol aus einer Welt getilgt werden soll, in der jede Form der Resozialisierung verunmöglicht wird.

Der Film bringt Stallone immer wieder in die Position Vergeltung üben zu können, um sie dann abzulehnen. Das gipfelt in einer finalen Konfrontation, Sutherland auf dem elektrischen Stuhl, Stallone am Schalter, und kulminiert in einem Plädoyer gegen die Vergeltungslogik des US-amerikanischen Justiz-Apparats. Auffällig ist auch, wie von allen Gefängnis-Wärtern vor allem die Schwarzen zunehmend mit den Methoden des Direktors zu hadern beginnen und sich schlussendlich gegen ihn stellen. Überraschend ist das allerdings nicht, wenn man bedenkt, dass vor allem Afro-Amerikaner unter dem zunehmend privatisierten Gefängnis-System zu leiden haben.

Das alles klingt vielleicht nach einem ziemlich grandiosen Film, doch trotz dieses hochspannenden Subtextes, geht „Lock Up“ ziemlich raubeinig mit seinem Thema um. Die Fronten sind sehr schnell klar, die Figuren zügig auserzählt und die wirklich hervorstechenden Szenen nehmen nur einen Bruchteil des Filmes ein. Generell haut recht wenig wirklich rein, weder das Football-Spiel im Innenhof, noch die Schlägereien machen in Sachen Action richtig Lust, was vielleicht sogar mehr mit dem amerikanischen Actionkino in seiner Gesamtheit als mit diesem speziellen Fall zu tun hat. Stallone macht aber Spaß und atmosphärische Bilder tragen ganz gut durch den Film, dem thematisch verwandten, unsagbar hässlichen und vor allem unsagbar öden „Escape Plan“ ist „Lock Up“ sowieso jederzeit vorzuziehen.