Samstag, 28. März 2015

"Cinderella" [US '15 | Kenneth Branagh]


Branagh macht seinen Job so gut, dass "Cinderella" bisweilen berauschend ist: wunderbare 16mm-Aufnahmen in kontrastreichen, aber nie künstlichen Farben, sympathische Liebende und ein sich selber und sein Sujet hemmungslos feiernder Score verhelfen der Neuauflage des Disney-Märchens zu unwiderstehlicher Klar- und Direktheit. Branagh bricht die Cinderella-Geschichte nicht ironisch, verkompliziert sie auch nicht über Gebühr, er stellt sie nicht mehr oder weniger aus, sondern schenkt der Geschichte die Ernsthaftigkeit und Hingabe zum Gefühlskitsch, die sie verdient und benötigt. Und er verrät damit auch seine idealistische Hauptfigur nicht, die einmal mehr zur inneren Kraft in einem jedem von uns gemahnt. Seinen Höhepunkt findet der Film dann - wie sollte es auch anders sein - in einer Tanzszene. Branagh spart die Worte aus, inszeniert auf den Punkt, ohne Scham vor großen, theatralischen Gefühlen. Und er erzählt damit von einer Zeit, die außerhalb postmodernen Ironie-Zwanges im Moment verharrt, sich weigernd weiter voranzuschreiten. Es hätte so viel schief gehen können an dieser Verfilmung eines scheinbar aus der Zeit gefallenen Moral-Stücks. Aber den Schablonen wurde Leben eingehaucht, weil einer der talentiertesten Hollywood-Regisseure der Gegenwart sich ihnen auf Augenhöhe angenommen hat. Sensationell.

6/10

Samstag, 21. März 2015

"Jack Reacher" [US '12 | Christopher McQuarrie]

 

Jack Reacher also. Man muss ihn zu schätzen lernen. Zunächst scheinbar nicht einlösend, was ein Blick in die ehrfurchtsvoll rezitierte Akte oder ein graziler Frauenkörper und das Klicken eines BH's vor Skyline-Panorama verspricht: eine Bombe im Bett und der beste seiner Klasse. Purple Heart, Dreißig Zentimeter, Academy Award, Bundesverdienstorden. Dann kommt Tom Cruise, der - hat man erst einmal kapiert, dass Reacher nicht Reacher, sondern Cruise ist - ganz plötzlich seine Vorzüge offenbart. Mit Ruhe und Gravitas spielt Cruise nach bombastisch erfolgreichen Karrieredekaden auch gegen den Schatten dieser 1,95 Meter-Bestie an. Und dieser Reacher gefällt: ein kluger Pragmatiker, freundlich, kaum arrogant, im richtigen Moment unbarmherzig zupackend. „Jack Reacher“ ist ohne überflüssige Kalorien komponiert, straff und vor allem konzentriert erzählt, mit der Ruhe eines Jack Reacher's operierend. Jede Einstellung hat ihren Platz, jede Geste ihre Bedeutung. Auch Action darf wieder gesehen werden, selbst wenn die Verfolgungsjagd nicht hundertprozentig das einzulösen vermag, was sie verspricht und Werner Herzog komisches Zeug brabbelt. Trotzdem sollte „Jack Reacher“ gesehen werden, weil er wieder einen Helden sichtbar macht, der viel zu lange abstinent war. Kein Arschloch, nicht perfekt, kein Schürzenjäger. Ich mag Jack Reacher. Nein, ich mag Tom Cruise. 

6/10

Samstag, 14. März 2015

"Big Trouble in Little China" [US '86 | John Carpenter]

 

John Carpenter selbst beschrieb Jack Burton einmal als den Sidekick, der sich selber als Helden missversteht. Und tatsächlich ist in diesem Neonlicht-durchfluteten Großstadtmärchen Burton ganz sicher nicht der Held. Burton ist einfach kein Heldentyp. Er ist Trucker mit Vorliebe für Highway-Poetik in Funkdurchsagen und allerhöchstens ironischer Kommentator, Publikumsprojektion und schmeichelndes Identifikationsangebot, das uns mitnimmt, an der Hand, in eine Welt, die uns ebenso fremd ist wie ihm – und der ebenso staunt bei all den blinkenden Lichtern und zuckenden Zauberblitzen. Eine Welt, die Carpenter vom ausgehenden Mythos um das Chinesenviertel zum Bizarrsten verbiegt. Burton bleibt nur Besucher und Tourist zugleich, der mehr oder minder unfreiwillig die Reinkarnation eines Jahrtausende alten Geistes durchkreuzt. Der wiederum ist auf der Suche nach grünen Augen. Burton jedenfalls verfügt weder über besondere Fähigkeiten, noch trägt er – bis zum Ende – Entscheidendes zum Happy Ending bei. Selbst die Sprüche verkneift sich der von Kurt Russell so wunderbar uneitel und phasenweise an der Grenze zur Lustlosigkeit gespielte Burton immer wieder. Dieser Anti-Held hat nicht viel zu sagen und er betritt nie die große Bühne. Das Mädchen muss warten, der Highway ruft. Bis zum Ende bleibt Burton an seinem Truck und an den Schulden seines Freundes interessiert. Er ist Geschäftsmann ohne Sinn für Romantik. „Big Trouble in Little China“ bietet damit das, was so viele 80er Jahre Filme, die man nachträglich auf ihren Kultstatus hin überprüft, nicht einlösen können: „Big Trouble in Little China“ hat etwas anderes zu erzählen und er überrascht mit den Figuren, die er beherbergt - mit den ironisch gebrochenen Heldenmythen und anständigen Randfiguren, die allesamt ihren Teil zum Gesamtsieg beitragen. Carpenter verballhornt ein Genre ohne eine Kultur der Lächerlichkeit preiszugeben, oder die Figuren, die ihr angehören. Er macht sich nicht lustig über Chinatown, zumindest nicht mehr als er es über seinen vermeintlichen Helden macht. Ein Held, der seine Daseinsberechtigung nicht aus dem Heldsein gründet, sondern daraus ein Mann mit einem Truck zu sein - und ein paar Kröten in der Tasche.

You ready, Jack? - I was born ready. 

6/10 

Sonntag, 8. März 2015

"Blau ist eine warme Farbe" [FR '13 | Abdellatif Kechiche]

 

Vereinzelte Protestzüge zeugen von innenpolitischer Unruhe und einer Generation der Engagierten. Direkt gekoppelt an Adèle und ihre Suche nach einer sexuellen Identität, inmitten einer Phase der schulischen Weichenstellung. Das Empfangsgerät in der Küche legitimiert die harmonische Sprachlosigkeit - Adèle ist alleine mit den Problemen der Erwachsenwerdung und dem Druck, dem, was verlangt wird, irgendwie gerecht zu werden. In vielerlei Hinsicht ist "Blau ist eine warme Farbe" lebensnah und authentisch: ähnlich betreten fühlen sich erste Treffen mit den Eltern tatsächlich an; oder Gespräche mit dem besten Freund; oder gewöhnlicher Klassenunterricht. Kechiche stellt sich diesen Szenen wiederholt ohne abzublenden. Doch ausgerechnet die Liebesbeziehung, die Kechiche in seinem dreistündigen Charakterporträt so selbstbewusst in den Mittelpunkt stellt, erweist sich als bloße Behauptung. Der Sex zwischen Adèle und Emma ist ausschließlich Ausdruck einer körperlichen, und rein körperlichen Anziehungskraft zueinander, was beide gegen Ende des Filmes in einer letzten Aussprache ebenfalls erkennen. Am Ende ging's ums Bumsen, nicht um Intellektualismus, Geborgenheit oder Liebe. Adèle verwechselt Liebeskummer und Einsamkeit mit chronischen Depressionen, was Kechiche in der larmoyanten zweiten Hälfte über den halb offenen Mund und die Rotznase seiner Protagonistin auch entsprechend bebildert. Auf die Doppelmoral von Emma, die die Trennung einer Beziehung aus den selben Gründen vollzieht, die sie damals zusammengebracht hat, wird nicht weiter eingegangen. Oder warum Adèle nur weil sie sich einen Abend ausnahmsweise mal selber bespaßen musste, direkt in der Gegend herumvögelt. Kechiche fügt sich über künstliche Problemerzeugung, der jede Authentizität abgeht, einem dramaturgischen Prinzip, dem er sich mit der ersten Hälfte doch eigentlich noch versagt hat. Schließlich steht nur die Erkenntnis, dass sie in dieser Welt nichts verloren hat. Für Lustmolche gibt es derweil sehr junge attraktive Frauen in sehr expliziten Sex-Szenen, deren Unmut über die entsprechende Gewichtung eben dieser und die darüber geführte Kontroverse zwischen Regisseur und Hauptdarstellerinnen einen gehörig faden Beigeschmack hinterlässt.

5.5/10 

Sonntag, 1. März 2015

Zuletzt gesehen: Februar 2015

 

"Nightcrawler" [US '14 | Dan Gilroy] - 5/10

"Hearts of Darkness" [US '91 | George Hickenlooper & Fax Bahr] - 6/10

"Chungking Express" [HK '94 | Kar Wai Wong] - 7/10

"Maps to the Stars" [CA, US '14 | David Cronenberg] - 6/10

"Jodorowsky's Dune" [FR, US '13 | Frank Pavich] - 5.5/10

"South Park" [US '14 | Season 18] - 7/10

"Parasyte" [JP '14 | Kenichi Shimizu] - 3/10*

"Whiplash" [US '14 | Damien Chazelle] - 5/10

"Punch-Drunk Love" [US '02 | Paul Thomas Anderson] - 7/10

"Stereo" [DE '13 | Maximilian Erlenwein] - 5/10

*bis Episode 14

Sonntag, 22. Februar 2015

"Twin Peaks: Fire Walk with Me" [FR, US '92 | David Lynch]


Stilistisch schlägt Lynch die Brücke zum erzwungenen Serienfinale. „Fire Walk with Me“ formuliert damit vor allem eine Klammer, die all die Chiffrierungen und Ausschweifungen zwischen dem, womit alles begann und dem, womit schließlich alles sein Ende fand, nihilistisch zuspitzt. Als Einstiegsdroge ist der Film über Laura Palmer aber nicht zu empfehlen, scheinen die fragmentarischen Traumschnipsel und malerischen Collagen doch gerade ein Vorwissen zu bedingen. Überdies raube der Film zu viele Überraschungen, die es ausführlicher, vorbereiteter und möglicherweise durch einen Cliffhanger gebrochen in der Serie effektiver zu entdecken gilt, das zudem den nötigen Einblick in den breiten Figuren-Pool ermöglicht. Der Film überdreht 90s-Theatralik und Over Acting allerdings nochmals um ein vielfaches. Laura Palmer auf ihren letzten Tagen zu begleiten birgt aber auch Chancen, die in einem langen, grandios guten Bar-Exzess ihren vorläufigen Höhepunkt erfahren. Unter Rotlicht glänzen Titten bis die Musik verstummt. Sexuell zum Bersten gespannt. Ansonsten beschränkt sich vieles auf eindringliche Einzelmomente (der Mord) und wummernde Traummontagen (im Bild verschwimmen Traum und Wirklichkeit), die dem Visagen-Gezerre einer selbstzerstörischen Femme Fatale mutig entgegentreten. Anstrengend, aber erlösend. 

6/10 

Samstag, 14. Februar 2015

"Moneyball" [US '11 | Benett Miller]


Seit einigen Jahren sind Filme wie „Moneyball“ in Hollywood keine Seltenheit mehr. Als quasi-dokumentarisch getarntes Autorenkino im wahre-Geschichte-Anstrich rücken Gründungsmythen wie „The Social Network“ oder kammerspielartige Krisen-Rekonstruktion wie „Margin Call“ endlich auch über Festival- und Fernsehgrenzen ("The Newsroom") hinaus in den Mittelpunkt. All diese Filme gleichen sich im Gefühl verfilmter Drehbuchseiten, und sind doch grundlegend anders; sie alle wahren sich eine formale Identität und doch zeichnet sie die Haltung aus, komplexe Zusammenhänge über lebendige Dialoge (Aaron Sorkin) und echte Menschen zu erforschen. Visuelle Spärenzchen stünden dem lediglich im Wege.

„Moneyball“ reiht sich zumindest insofern in die neue Riege amerikanischen Autorenkinos ein, als dass er einen ähnlichen Ansatz verfolgt. Er ist inszenatorisch kalt, übersichtlich und zweckdienlich photographiert und kommt dem am nächsten, was man als Bühnenillusion bezeichnen könnte. Eine künstlich geschaffene Theaterbühne, die sich formal zwar an filmästhetischen Mitteln bedient, diese aber nicht als Antriebsfeder dafür versteht, den Zuschauer emotional zu involvieren.

Natürlich geht es in „Moneyball“ auch um Veränderung und Wandel, darum gegen alle Widerstände am dem festzuhalten, an das man glaubt, natürlich geht es um starre Strukturen, die es aufzubrechen gilt und den reaktionären Abwehrmechanismus alt eingesessener System-Veteranen und die lästigen Windmühlen, die alles erschweren - um all das geht es in „Moneyball“. Vor allem aber ist „Moneyball“ ein Film über seine Hauptfigur, Billy Beane. Jene Figur also, die die Moneyball Years im modernen Baseball-Sport losgetreten hat und hier von Hollywood-Juwel Brad Pitt verkörpert wird.

Beane bleibt fortwährend eine unnahbare, undurchdringbare Figur. Sie tritt in fast jeder Szene auf, aber sie bleibt immer ein Geheimnis. Wir nehmen die Position von Hill ein, der nach Offenlegung aller Zahlen und statistischen Analysewerte keine Geheimnisse mehr beherbergt. Er verleibt als auserzählter Beobachter, der hin und wieder an Pitt zweifelt und im Sinne des Zuschauers Verständnisfragen stellt. Und wie er vertrauen wir Pitt blind. In diesem Zusammenhang ist auch die quälend lange Niederlagenserie nicht bloß ein zweckdienliches, dramaturgisches Alibi, eine notwendige Station, um schließlich alles in einem entscheidenden Finalspiel kulminieren zu lassen, sondern zuvorderst eine Bewährungsprobe für die Figuren, die in Uneinigkeit ein einmaliges Experiment bestreiten.

Hier setzt Miller eigenwillige Höhepunkte: Die darauf folgende, sensationelle Siegesserie bildet den dramaturgischen Höhepunkt. Erst der knapp errungene, zwanzigste Sieg in Serie, der den Spielraum durch Umschnitte auf Beane in den Katakomben und den Geschehnissen im Stadion spielerisch verdichtet, kreiert eine Siegermannschaft, die zur Meisterschaft fähig ist und liefert den Beweis: das System funktioniert. Miller platziert diese Montage jedoch interessanterweise in der Mitte des Films.

Denn „Moneyball“ ist nach wie vor ein Film über Billy Beane, die Struktur des Filmes somit nur Ausdruck seiner inneren Welt. Er scheint nie ganz glücklich, immer versunken, den gesamten Film über steht er unter Strom, prescht nach vorne, ohne einen Blick zurückzuwerfen. Selbst die Siegesserie, die Gewissheit etwas Historisches geschafft zu haben und nicht in Vergessenheit zu geraten, verliert jeden Wert, solange der Pokal nicht gewonnen ist. Es zählt nur der Gewinner. Der, der am Ende noch steht. Damit steht er auch für ein System voller Verlierer. Er bleibt immer getrieben, nie fertig, immer auf der Suche.

6.5/10

Sonntag, 8. Februar 2015

"Casshern" [JP '04 | Kazuaki Kiriya]

 

Dass ich "Casshern" irgendwann einmal als Jugendlicher gesehen habe und er mir nach wie vor im Gedächtnis geblieben ist, spricht eigentlich für sich - oder mein seltsames Gedächtnis. Jedenfalls ist die Faszination verblieben, auch nach einer erneuten Sichtung, die eine kommende Enttäuschung geradezu zwangsläufig erwarten ließ. Schließlich steckt man cheesy CGI, riesige Roboter-Armeen und Anime-Gekloppe in dem Alter irgendwie noch besser weg. Schließlich war man mal genügsamer, unbefleckter - dümmer. Die Faszination von "Casshern" ist jedoch wie gesagt verblieben, weil die Manga-Adaption in Sonnenstrahlendurchfluteten Computerwelten ungeahnte erzählerische Kräfte um die unterschiedlichsten Einzelschicksale mobilisiert, die manchmal an Anno's Anime-Wunder "Neon Genesis Evangelion" erinnern. Mit dieser wundervollen Form japanischen Sentiments, das direkt unter die Haut geht und einem traumwandlerischen Score voller Facettenreichtum. Hinter Schwermetal und Japano-Trash, Overacting und blöden Frisuren offenbart sich ausladender Gefühlskitsch, der sich unerschrocken und naiv den Fragen des Existenzialismus stellt. Ich denke, wer wirklich sucht, kann hier mehr finden, wenngleich das natürlich Special Interest der allerersten Güte ist. 

6/10