Samstag, 11. Februar 2017

"Personal Shopper" [FR '16 | Olivier Assayas]

Maureen (Kristen Stewart) ist ständig in Bewegung, durchläuft Räume, wechselt Lokalitäten, kommt an, um kurz darauf wieder zu entschwinden. „Personal Shopper“, das düngt einem schnell, ist ein ungeheuer vielschichtiger Film, der sich mit jeder Szene Schicht um Schicht zu entblättern beginnt, so wie auch Maureen die Kleider überstreift und dann wieder von sich abfallen lässt. Assayas' Film sträubt sich dabei jedoch jeder Zuordnung, er ist viel- und uneindeutig seine wahren Intentionen betreffend und deswegen von einer beunruhigenden Getriebenheit, weil er in der Wahl seiner Mittel nie durchschaubar wird. Alle Räume sind bevölkert von Echos, die die Vergangenheit in die Gegenwart zwingen. Assayas doppelt diese Metapher mit dem Bild des digitalen Echos, das in den Whatsapp-Konversationen mit einem Unbekannten in einen bizarren, intimen Dialog eintritt. Assayas integriert die modernen Kommunikationsmittel zu diesem Zweck nicht nur, um (vollkommen frei von jeglichem Technik-Pessismismus) ein Abbild der modernen Lebenswirklichkeit zu entwerfen, sondern macht sie auch narrativ für sich nutzbar. Die modernen Kommunikationsmedien stellen neue, virtuelle Räume zur Verfügung und doch befremden sie die Menschen, die sie nutzen. Die Menschen werden in der Konsequenz zu Grenzgängern zwischen den Räumen, entkoppeln das physische vom psychischen. Auch der Dialog zwischen Maureen und dem Unbekannten ist zeitlich fragmentiert, wird immer wieder unterbrochen und später fortgeführt. Diese zeitliche Fragmentierung nutzt Assayas, um daraus immer wieder nervenaufreibende Spannungsmomente zu kreieren. Wenn er die Räume wieder zusammenführt, die Vergangenheit aufholt und mit einem Mal vor der eigenen Tür steht, erreicht der Film dann auch ungeahnte Genre-eigene Qualitäten. Maureen lebt in einer Endlosschleife, als Abdruck auf digitalen Oberflächen, zum Geist geworden. Als letztes Vermächtnis ist es eine wie auch immer geartete Entität, die sie aus dieser Tristesse entlässt, weil sie beginnt die richtigen Fragen zu stellen. Und die Kraft ist schlussendlich keine jenseitige, fremde, sondern eine ganz vertraute: die Kraft in ihr selbst. 

7/10

Freitag, 3. Februar 2017

Zuletzt gesehen: Januar 2017

"Jung & Schön" [FR '13 | François Ozon] - 6/10

"The French Connection" [US '71 | William Friedkin] - 7/10

"Godzilla Resurgence" [JP '16 | Hideaki Anno & Shinji Higuchi] - 6/10

"The Kingdom of Dreams and Madness" [JP '13 | Mami Sunada] - 8/10

"Near Dark" [US '87 | Kathryn Bigelow] - 6/10

"Daybreakers" [AUS '09 | Michael & Peter Spierig] - 3/10

"The Lost Boys" [US '87 | Joel Schumacher] - 4/10 

"Dracula" [US '31 | Tod Browning] - 6/10

"Dracula" [UK '58 | Terence Fisher] - 4/10

"Frankenstein" [US '31 | James Whale] - 7/10

"Bride of Frankenstein" [US '35 | James Whale] - 8/10

"The Curse of Frankenstein" [UK '57 | Terence Fisher] - 4/10

"Right Now, Wrong Then" [KR '15 | Hong Sang-soo] - 8/10

"Nugu-ui Ttal-do Anin Haewon" [KR '13 | Hong Sang-soo] - 7/10

"The Yellow Sea" [KR '10 | Na Hong-jin] - 5/10

"La La Land" [US '16 | Damien Chazelle] - 5/10

"Love and Other Drugs" [US '10 | Edward Zwick] - 2/10

"Bridesmaids" [US '11 | Paul Feig] - 6/10

"Everybody Wants Some!!" [US '16 | Richard Linklater] - 5/10

"Angel" [US '99 | Season 1] - 5/10

"Moonlight" [US '16 | Barry Jenkins] - 8/10

"Elle" [FR '16 | Paul Verhoeven] - 6/10

"Personal Shopper" [FR '16 | Olivier Assayas] - 7/10

"Hacksaw Ridge" [AU, US '16 | Mel Gibson] - 4/10

"Wiener Dog" [US '16 | Todd Solondz] - 5/10

"Eden" [FR '14 | Mia Hansen-Løve] - 5.5/10

"Chance" [US '02 | Amber Benson] - 3/10

Freitag, 27. Januar 2017

Die Mär vom Film, der nur unterhalten möchte (und was Unterhaltung sein könnte)

Da ist es wieder. Du siehst es schon kommen, bevor die Worte endgültig ausgesprochen worden sind. Denn sobald man dazu ansetzt über einen sogenannten Unterhaltungsfilm, einen Blockbuster also, abseits von schnellen Geschmacksurteilen ernsthaft diskutieren zu wollen, so wie man auch über jedes andere gesellschaftspolitische Thema ernsthaft diskutieren können sollte, wird abgewunken und das tödlichste aller Totschlagargumente bemüht: Der Film wolle doch „nur unterhalten", solche Ansprüche seien also Fehl am Platz, völlig unangebracht, mindestens unfair dem Film und den Machern gegenüber, die doch nur Unterhaltung versprechen - und sonst nichts. Eskapismus eben, der keine Hirnleistung erfordert; zwei Stunden einmal den Kopf auf Durchzug schalten und alles von sich abfallen lassen. Nur elitäre Kritiker und Miesepeter, verkopfte Kunsttheoretiker und arrogante Weinglas-Schwenker stellen an den gemeinen Blockbuster heutzutage noch Ansprüche, die über gute Unterhaltung hinausgingen.

Das ist natürlich alles ganz grober Unfug, den Leute reden, die ihren Kopf sonst so selten einstellen und im Kinosaal mal damit beginnen könnten. Diskursfeindlich ist dieses Denken sowieso. Der Denkfehler beginnt schon bei der Annahme, der Unterhaltungsbegriff einer breiten Zuschauerschaft sei auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen und das einfache Bedürfnis eines Filmes nur unterhalten zu wollen, bedürfe keiner weiteren Erklärung. Aber gerade dieser Unterhaltungsbegriff bedarf einiges an Klärung. Die Vorstellungen von (guter) Unterhaltung sind nämlich sehr wohl verschieden, sogar ganz fundamental und deswegen auch die Ansprüche, die daran gebunden werden. Gerne wird die Floskel vom Film, der nur unterhalten möchte, bei hoch budgetierten Blockbustern bemüht - bei Superheldenfilmen, Actionstreifen oder Komödien zum Beispiel, die man in der Annahme, diese seien abseits der Pointe und des Gags an nichts weiterem interessiert (oder müssten an nichts weiterem interessiert sein), gerne von weiteren, zu weit führenden Ansprüchen zu verteidigen sucht. Man nimmt also gerade diejenigen in Schutz, die über die größten Möglichkeiten verfügen und sich selbst die größten Limitierungen auferlegen.

„Ein Blockbuster hat natürlich nicht die Figuren eines P.T.A. oder die Dialoge eines Tarantino.“ - das seien somit unangebrachte Erwartungen. Derjenige, der an den neuen Marvel-Film also die falschen Erwartungen stelle, ist selber Schuld, wenn er letztlich an sich und seinen mitgebrachten Erwartungen scheitert. Das ist ein weiterer Punkt: irgendeine graue Masse scheint festlegen zu wollen (und zu können) welche Erwartungshaltung man an eine bestimmte Sorte von Film stellen könne und welche nicht. Der Actionfilm könne nur gute Action bieten und alle Makel abseits dieser Kernkompetenz seien vernachlässigungswert, verzeihbar mindestens. Das Kino wird durch solch ein Denken in Genre-Kategorien in seinen Möglichkeiten und Chancen massiv unterschätzt. Und von was sich wer wie unterhalten lässt, ist – wie bereits erwähnt - tatsächlich hochgradig verschieden und ganz und gar persönlich. Die Einordnung in eine Genre-Tradition und seine Regeln sollte den Zuschauer nicht dazu veranlassen, vermeintlich falsche Ansprüche fallenzulassen. „Lazy writing“ sollte nicht über eine Genre-Zugehörigkeit entschuldbar sein und durch bloße Repetition plötzlich legitimiert (schaut man z.B. auf eine der unzähligen Slasher-Reihen und die Verhaltensweisen der Teenager dort, scheint aber gerade das zu passieren).

Aber auf die Kritik an Genre-Zuordnungen möchte ich in diesem Beitrag nicht weiter eingehen, mein Punkt ist ein anderer. Mein Punkt ist nämlich, dass die Mär vom Film, der nur unterhalten möchte, zumeist von solchen Leuten bemüht wird, die sich und den jeweiligen Film mit einfachsten Mitteln zu verteidigen suchen. Denn Unterhaltung muss begrifflich nicht etwas vom Intellektuellen, Langwierigen und Komplexen entkoppeltes sein; es ist nicht davon isoliert, schließt es nicht aus, ebenso wenig wie es etwas davon einschließen muss. Unterhaltung kann synonym sein mit guten Actionszenen oder teuren, großen CGI-Bildern - muss es aber nicht. Ich schätze das ist mein Anliegen mit diesem Text: Unser Verständnis vom Film, der nur unterhalten möchte, unser Verständnis vom „Unterhaltungsfilm“ per se, sollte so unbegrenzt sein wie die Welt des Kinos selbst.

Ich mag nur Filme, die mich unterhalten. Ich mag keine Filme, die mich nicht unterhalten. Mich unterhalten Jackie Chan-Flicks und Explosionen ebenso, wie mich Krankheitschroniken und Trennungsfilme unterhalten können. Mich unterhält alles, was mich als Menschen ernst nimmt und sich nicht scheut von der gesamten Palette menschlicher Emotionen Gebrauch zu machen. Jeder Film, der mich beschäftigt - intellektuell oder emotional, oder beides - der mir Eindrücke vermittelt, mich verstört, grundsätzliche Fragen stellt oder einfach nur in einer Fluchtbewegung zerstreut, unterhält mich auf eine Weise. Unterhaltung sollte nicht synonym sein mit unangebrachten Erwartungen und erwartbaren Makeln, er sollte nicht reserviert bleiben für Blockbuster, Actionfilme und seichte Komödien über Männer und Frauen - so einfach sollte man es weder der Filmindustrie, noch sich selber machen. Dem Kino zuliebe.

Samstag, 21. Januar 2017

"Don't Think Twice" [US '16 | Mike Birbiglia]

Ein absolut lohnenswerter Blick hinter die Kulissen einer New Yorker Impro-Gruppe. Humor ist hier nicht nur Bestandteil alltäglicher Umgangsformen oder Bewältigungsstrategie angesichts jener Arschtritte, die das Leben beizeiten aus der Bahn werfen, sondern auch eine Kompetenz, die die Freunde auf der Bühne abseits davon in einen Wettstreit eintreten lassen. Dann erzählt „Don't Think Twice“ auch vom Neid, dem lästigen, wenn sich die Karrierewege trennen und die Angst umgeht, auf ewig in den Kellern halb verlotterter Stand-Up-Bars den Clown zu mimen und den Wunsch es endlich auf der großen Fernsehbühne tun zu dürfen, von der Sehnsucht gesehen zu werden oder vom Widerspruch als Teamplayer seiner Intuition zu folgen, um zahlendem Publikum einen unbeschwerten Abend zu bereiten und dem Ehrgeiz aus dem Schatten seines Ensembles herauszutreten; dem Widerspruch das Leben mit Leichtigkeit zu nehmen und aus den Komplikationen des Alltags eine Pointe zu dichten und der Unbarmherzigkeit des Geschäfts. Diese sehr ambivalenten, komplexen Gefühlswelten aufstrebender Comedians, von denen man nicht weiß, ob sie zuvorderst Freunde oder doch Konkurrenten sind, fängt „Don't Think Twice“ beinahe semi-dokumentarisch und doch gleichzeitig ungeheuer einfühlsam ein. Eine klassische Milieu-Studie also, die einem sehr andere, sehr spannende Lebensentwürfe näher bringt und weder urteilt, noch beschönigt, wenngleich das Klischee vom bösen TV-Boss hier lediglich der romantischen Idee dienlich ist, die „Kommune“ gegen das verschleißende, schnelllebige Fernsehgeschäft zu verteidigen. Solche Makel sind vergessen, wenn der Film dem Theater seine Liebe gesteht und die Bühne zu jenem Ort erhebt, an der alle kommunikativen Barrieren überwunden werden - wo Wunden nicht nur aufgerissen, sondern auch wieder geheilt werden können.

6/10 

Sonntag, 15. Januar 2017

"Barbara" [DE '12 | Christian Petzold]

Welch Ironie, dass gerade Petzolds DDR-Film in solch kräftigen Farben strahlt; nicht aus Verklärung einer trüben Erinnerung heraus, sondern ganz im Gegenteil im Bewusstsein einer Lebenswirklichkeit, die für viele eben nicht nur in Grautönen gemalt wurde, weil der Mensch in jedem System für sich eine Heimat finden kann - muss. Die Kontrollsucht dieses Systems, das die Sehnsüchte seiner Bevölkerung nicht nur ungehört verklingen ließ, sondern ganz gezielt unterdrückte, bleibt nichtsdestotrotz ein stetig präsentes, allumfassendes Bedrohungsszenario, das Barbara an den Bildrand drängt und ihr die Luft zum Atmen raubt, aber ihre Idee von Freiheit nie gänzlich ersticken kann. Bemerkenswert ist, dass trotz dieses durchdachten Inszenierungskonzepts die Bilder immer noch vor Leben sprühen und die Geschichte tatsächlich lebendig werden lassen, sodass der Film nicht nur Empathie für jene zulässt, denen man den Opferstatus zuweist, sondern auch all denjenigen, die sich mit der DDR-Diktatur arrangiert haben. „Barbara“ erzählt aber auch gleichzeitig von der Idee eines Glücks, das in der Sehnsuchtsphantasie verfangen wertvoller erscheint und deswegen auf ewig unverwirklicht bleibt. Sodass Barbara schlussendlich nicht aus Opferbereitschaft an der Küste verbleibt, sondern aus Angst vor der Enttäuschung an eine sehnsüchtig erwartete West-Utopie - möglicherweise aber auch in der Realisation in einem anderen Menschen eine Heimat gefunden zu haben. Kein klassischer DDR-Film; reduziert, leise und ohnehin viel zu bunt, aber es lohnt sich - auch wenn man dafür auf die Schulklasse des Geschichtskurses 10a im Kinosaal verzichten muss und Jauch im Anschluss keine Talkrunde versammeln kann. 

8/10 

Samstag, 7. Januar 2017

"Das Leben der Anderen" [DE '06 | Florian Henckel von Donnersmarck]

Oscar-Kino aus Deutschland. Ganz am Ende schnürt Donnersmarck sogar das komplette Wohlfühlpaket. Grundlegend ist „Das Leben der Anderen“ jedoch unterhaltsam, historisch verortet, gut gespielt, nach wie vor relevant und sein durchschlagender, internationaler Erfolg, gerade in den USA, aufgrund dessen nicht einmal eine so große Überraschung. Vor allem macht der Film keine Spärenzchen, ist ganz und gar konzentriert und bietet insbesondere eine geniale Prämisse an, die als Drei-Personen-Stück auch ohne weiteres auf der Theaterbühne zuhause wäre. Auf das wirkungsvoll fatalistische Finale hin, hätte man sich die darauf folgenden, Erklärbär-lastigen Minuten aber auch sparen können. Man kann das Ende einer Diktatur auch ohne happy end für den stillen Helden auserzählen. Dafür hinterlässt Ulrich Mühe auch so einen viel zu eindringlichen Eindruck. In seinen Augen drückt sich die Sehnsucht nach Bewegung aus, dort wo der Status Quo Stillstand verlangt. In ihm manifestiert sich der Glaube und die Hoffnung an eine wesenseigene Moral, die dem Menschen auch allen Widrigkeiten zum Trotz immanent ist und die die Kunst zum Vorschein zu bringen vermag. 

6/10

Montag, 2. Januar 2017

Zuletzt gesehen: Dezember 2016

"Sag nicht, wer du bist!" [CA, FR '13 | Xavier Dolan] - 5/10

"Kubo and the Two Strings" [US '16 | Travis Knight] - 4/10

"Sully" [US '16 | Clint Eastwood] - 2/10

"Diplomatie" [DE, FR '14 | Volker Schlöndorff] - 6/10

"We Bought a Zoo" [US '11 | Cameron Crowe] - 3/10

"He’s Just Not That Into You" [US '09 | Ken Kwapis] - 4/10

"Jack" [DE '14 | Edward Berger] - 6/10

"Hedi Schneider steckt fest" [DE '15 | Sonja Heiss] - 7/10 

"Circles" [SRB, DE, FR '13 | Srdan Golubovic] - 5/10

"South Park" [US '16 | Season 20] - 5/10

"Araf" [TUR '12 | Yesim Ustaoglu] - 6.5/10

"Cure" [JP '97 | Kiyoshi Kurosawa] - 6/10

"The Hobbit: The Battle of ..." [US, NZ '14 | Peter Jackson] - 0/10

"Yella" [DE '07 | Christian Petzold] - 6/10

"Rogue One" [US '16 | Gareth Edwards] - 3/10

"Irma Vep" [FR '96 | Olivier Assayas] - 6/10

"Spuren" [AU '13 | John Curran] - 6/10

"American Honey" [US '16 | Andrea Arnold] - 7/10

"Nocturnal Animals" [US '16 | Tom Ford] - 4/10

Freitag, 30. Dezember 2016

Was dieses Jahr erfolgreich war – und doch schlecht dabei: Ein subjektiver Tatsachenbericht ohne Strich und Faden, ungepflegter Antiamerikanismus und ein paar unausgegorene Gedanken zu momentanen Kinotrends

Das deutsche Kinopublikum und der animierte(Tier-)Film schreiben ihre Liebesgeschichte auch im Jahre 2016 fort. Vermutlich löst keine andere Sorte Film das stets beworbene Versprechen „für die ganze Familie“ momentan am ehesten ein – und der Familienfilm in der Tradition von Onkel Steven ist ohnehin out. Ich vermute, das ist auch ganz okay irgendwo. Alles hat seine Zeit, jedes Publikum seine Filme. Und „Finding Dory“, eine von vielen Fortsetzungen des Disney-Konzerns in den vergangenen Kinojahren, kreist zumindest um Andersartigkeit und Behinderung - auch wenn er sie bisweilen wieder zur Lachnummer degradiert. Am Ende fährt dort übrigens ein roter Kraken einen Lkw – ins Meer, immerhin. Die Überhöhungen werden so absurd wie die Welt, aus der sie entstehen. Währenddessen verkauft „Zootopia“ (aus Disney's hauseigener Animationsschmiede) fleißig Soundtrack-CD's und sich als klugen Film, „The Secret Life of Pets“ klaut bei Pixar als sie noch richtig gut waren und macht Louis C.K. die Taschen voll („Horace and Pete“ Staffel 2, bitte?) und „Kubo and the Two Strings“ sieht wunderschön aus und mündet in Action und fußlahmen Gags. „Anomalisa“ verzweifelt derweil an der Welt und an sich selbst, und ich gleich mit.

Mir fiel es im Laufe des Jahres immer schwerer Filme losgelöst vom gesellschaftlichen Klima zu schauen, in dem sie entstanden sind – oder in das sie hineinwirken. Ein Jahr, das so vielen rapiden Veränderungen unterworfen war und in dem so viel infrage gestellt wurde, was mir als gesichert und selbstverständlich erschien, erwischte ich mich immer wieder dabei auch vermehrt in Filmen Antworten dafür zu suchen, was in den Menschen um mich herum und auf der ganzen Welt vor sich geht. Was sagen all die Blockbuster und Trailer von Kriegsfilmen über uns aus – und was nicht? Warum sind die Cineplexe so verstopft mit bombastischen Überwältigungsszenarien, die irgendwann nur noch auf dich einprügeln und erst dann aufhören, wenn du erschlafft im Kinosessel zusammengesackt bist? Ist denn noch niemand müde geworden und der Zerstörung überdrüssig? Wurde nicht jeder Universen-umspannende, Material-verschleißende Krieg inzwischen ausgefochten?

Der neue, alljährliche "Star Wars"-Ableger wühlt sich genüsslich durch fünfzig Jahre US-amerikanischer Militärgeschichte und stellt eine Konvoi-Attacke im Stile der Irak-Herrschaft nach – solidarisiert sich aber dort mit den Rebellen, die die Besatzer vertreiben wollen. Was hat das zu bedeuten? Ist das nur eine ikonographische Bilderwelt, derer sich ein Handwerker wie Edwards bedienen darf, ganz losgelöst von jedem Kontext? Steckt da gar ein politisches Statement dahinter? Beginnen wir nun ernsthaft damit, längst verstorbene Schauspieler als digitale Zombies wiederauferstehen zu lassen, um sie dann zu Erfüllungsgehilfen gigantischer Konzerne und ihrer Universen-Politik zu degradieren? Wann wurde das beschlossen? - „Rogue One“ besteht aus ermüdendem Kriegsgelaber und Rebellen-Romantik wie man es dieses Jahr zuhauf sehen konnte – und 2017 wieder sehen wird. Die Amerikaner lieben ihre Underdogs, ist klar. Jedes Jahr ein neues Kapitel, jedes Jahr ein neuer Krieg der Sterne und ein neuer Sieg in letzter Sekunde – ganz sicher aber nicht fürs Kino.

Snyder hat derweil einen weiteren Nicht-Film gedreht und schmort nur noch im eigenen Saft. In einer Welt ohne Humor und Farben sterben die großen Ikonen einen qualvollen Tod – in Zeitlupe. Deadproll gibt derweil den Rebellen und ist doch Sklave seiner Zielgruppe. Zumindest geht mit Snyder kein großes Talent verloren, wie es man es bei den Marvel-Ergüssen immer latent befürchtet. Dieses Jahr haben sich die aus dem Fernsehen kommenden Russo-Brüder an der Marvel-Formel abgearbeitet und damit endgültig der Beliebigkeit ergeben; wieder muss gekämpft, darf aber nicht gestorben werden. Ein Civil War ohne Verluste für die richtige Seite, ein bisschen Terror-Feeling, ein bisschen interne Gabelei, am Ende alles gut, die Fortsetzungen gehen schon in die Vorproduktion, die Verträge sind unterschrieben. Wer rettet uns eigentlich vor den Superhelden?

Ein paar Mal habe ich gelesen, dass „Arrival“ der Film sei, der dieses Jahr die richtige Botschaft sende. Eine Botschaft der Toleranz und der Verbrüderung. Die Ironie dabei: Russland und China geben in der Filmversion die fremdenfeindlichen Aggressoren, während die Amis eine empathische Botschafterin des Friedens schicken. Na klar. Friedenspolizei, Underdogs, Stress machen immer die von außen. Die auch Studium-bedingte Auseinandersetzung mit den USA, besonders nach einem solch aufwühlenden Wahljahr, hat mich immer wieder auch mit anderen Augen auf ihre (großen) Filmproduktionen blicken lassen. Filme, die von gerechten Kriegen und notwendigen Opfern, von Märtyrertum und der großen Freiheit berichten, die es gegen außenstehende Parteien zu verteidigen gilt. Es braucht einen Sully, zum Underdog stilisiert, der vom erneuten 9/11-Trauma träumen muss und es dann verhindern darf. Traumata rekonstruieren, um sie dann wieder und wieder zu überwinden. So viel Geld und so wenig Herz. In den Cineplexen konnte man sein Heil dieses Jahr nicht finden.

Samstag, 3. Dezember 2016

"Arrival" [US '16 | Denis Villeneuve]

Zuerst ist da Enttäuschung: zu viele Rückblenden, zu viele assoziative Bildmontagen, denen durch Malick-Epigonen und Werbefritzen bereits jede Kraft ausgetrieben wurde, zu viele Streicher, die einem die Tränen in die Augen treiben wollen und allen ernstes ein chinesischer General, der nach einem Telefonat mit Amy Adams in einem sentimentalen Augenblick den Weltfrieden erklärt und alle Geheimdienstakten offenlegt. Und Adams und Renner finden inmitten eines diffusen Weltenchaos zueinander, wenngleich diesen beiden starken Schauspielern kein glaubhafter Moment der Intimität und der zwischenmenschlichen Annäherung zugestanden wird. Warum sich ein interessanter Filmemacher wie Villeneuve ausgerechnet in die Hände eines Drehbuch-Legastenikers begeben muss und der unendlichen Faszination des klugen Ursprungsstoffes (unbedingt lesenswert) müde Hollywood-Kniffe hinzudichten lässt, bleibt hier tatsächlich eines der größten Rätsel. Dennoch bleibt dieser kleine, intime Film, der nicht als solcher beworben wurde, eine faszinierende Ausnahme im diesjährigen Kinoprogramm. Vor allem schlägt „Arrival“ in einem interessanten Zwischenbereich ein und knetet vermutlich auch solchen Zuschauern die Gehirnwindungen durch, die überhaupt nicht geplant hatten, diesen Abend noch davon Gebrauch zu machen. So kann aus der Erwartung an ein saftiges Aliengemetzel auch etwas viel wertvolleres entstehen und die Gedanken auf Reise schicken..

Die simultane Bewusstseinswelt der seltsamen, wirklich andersartigen Heptapoden macht die Zeit nach unseren (sequentiellen) Vorstellungen obsolet und stellt unser Konzept von einem selbstbestimmten Leben fundamental in Frage. Dass das nicht zwingend deterministisch gelesen werden muss, beantwortet Chiang in seiner Kurzgeschichte selbst: Die Heptapoden „act to create the future“, denn möglicherweise bedeutet ihr Simultan-Bewusstsein nicht, einer Entscheidung beraubt worden zu sein, sondern bereits alle getroffen zu haben. Die Liebesgeschichte des Films ist von Anfang an verdammt, beinhaltet aber ein Glück, das trotzdem gelebt werden will. Der kommunikative Akt ist bei den Außerirdischen immer performativ, ihr Wissen wird erst durch ihn zur Wahrheit. Und was wäre das für ein Leben, in dem man den Tod schon im Augenblick der Geburt akzeptiert und in dem der Angst, die immer zukunftsgerichtet ist, jede Nahrung entzogen wird? Die Gedanken gehen auf eine Reise ohne Ziel, denn wie so oft bei solchen Spielchen bleibt man schlussendlich doch immer mit seinem Wesenskern verhaftet und jeder Versuch außerhalb seiner Wahrnehmungswelt eine quasi-objektive Außenansicht einzunehmen, scheitert. - Doch schon allein die Tatsache, dass Mainstream-Kino solche Experimente heutzutage noch zulässt, sollte Anlass zur Hoffnung geben.

Freitag, 2. Dezember 2016

Zuletzt gesehen: November 2016

"Aloha" [US '15 | Cameron Crowe] - 5/10
   

"Ida" [DK, PL '13 | Pawel Pawlikowski] - 7/10

"Police Story 2" [HK '88 | Jackie Chan] - 5/10
 
"Police Story 3" [HK '92 | Stanley Tong] - 6/10

"In the Electric Mist" [US '09 | Bertrand Tavernier] - 5/10

"The Dallas Buyers Club" [US '13 | Jean-Marc Vallée] - 5.5/10

"Roter Drache" [US '02 | Brett Ratner] - 4/10

"Atlanta" [US '16 | Season 1] - 7.5/10

"Barbara" [DE '12 | Christian Petzold] - 8/10

"Fucking Berlin" [DE '16 | Florian Gottschick] - 1/10
 
"Toni Erdmann" [DE, AT '16 | Maren Ede] - 7.5/10

"Tangerine" [US '15 | Sean Baker] - 5/10

"Before the Flood" [US '16 | Fisher Stevens] - 6/10

"Star Wars 7: The Force Awakens" [US '15 | J.J. Abrams] - 5/10

"The Revenant" [US '15 | Alejandro González Iñárritu] - 6/10

"Paper Towns" [US '15 | Jake Schreier] - 4/10

"Ant-Man" [US '15 | Peyton Reed] - 4/10

"Don't Think Twice" [US '16 | Mike Birbiglia] - 6/10

"Der Andere" [DE '16 | Feo Aladag] - 3/10

"Keine Sorge, mir geht’s gut" [FR '06 | Philippe Lioret] - 5/10

"Arrival" [US '16 | Denis Villeneuve] - 5/10