Sonntag, 19. Juni 2016

"Kurt Cobain: Montage of Heck" [US '15 | Brett Morgen]


Die Zeichentrick-Passagen, die von Cobain selbst über Interview-Ausschnitte erzählend begleitet werden, machen etwas her und dessen früheste Lebensstationen neu erfahrbar. Und im Gegensatz zu den repetitiven Montagen von Lyrik-Fragmenten und vollgekritzelten Notizblöcken zum frühen Punk-Schnodder der Band wird's damit auch nicht übertrieben. Im Vorfeld warb HBO ja vor allem damit, nun endlich die erste gänzlich autorisierte Dokumentation zum Nirvana-Genius produziert zu haben, die zusätzlich dazu (und in Übereinstimmung mit der Cobain-Familie) erstmals gezeigtes Videomaterial aus den Privatarchiven enthalten sollte. Nach der Sichtung habe ich jedoch nicht das Gefühl etwas gesehen zu haben, das für meine Augen bestimmt war. Nicht, dass die privaten Aufnahmen von Cobain, Courtney Love und ihrem späteren Kind Frances keinen Einblick in dessen Charakter gewährten. Sicherlich mag es aufschlussreich sein, für manchen Fan gar tröstend, seinem Idol noch einmal so nahe sein zu können, gleichzeitig liegt in dem Bestreben, jedes Detail des Privatlebens einer Person aufdecken zu wollen auch ein kleines Mosaik jener Gründe begraben, die Cobain 1994 in den Freitod trieben. Wer wirklich etwas über Nirvana und ihren Frontmann erfahren möchte, sollte vielleicht doch lieber ihre Songtexte studieren und sich ein weiteres Mal Live in New York gönnen. Da gibt es diesen intensiven Moment in Where Did You Sleep Last Night, in dem Kurt Cobain nach Atem ringt und die stahlblauen Augen für einen Augenblick aufblitzen. Da ist alles, was er preisgibt – einen einzigen Blick. 

6/10 

Freitag, 3. Juni 2016

"Kumiko, the Treasure Hunter" [US '14 | David Zellner]


Eine todtraurige Geschichte von einer suchenden, einsamen Person nach Erlösung. Ihre Flucht ist von langer Hand geplant, um den Erwartungen, die an sie gestellt werden und der fremdgesteuerten Welt, die sie umgibt, endgültig zu entfliehen. Dafür gibt sie sich einer Illusion hin, wird zur Schatzjägerin und bleibt immer in Bewegung, damit sie das, was sie zurückgelassen hat, nicht wieder einholt. Es ist eine faszinierende Idee diese Flucht und Emanzipation an „Fargo“ entlang zu erzählen, fängt Zellner doch nicht nur die Eiseskälte, sondern zuvorderst die verschrobenen, freundlichen Figuren des Coen-Klassikers ein. Trotzdem erzählt „Kumiko, the Treasure Hunter“ mehr über das Land, aus dem Kumiko geflohen ist, statt jenes, in das sie schlussendlich flieht. Durch den Telefonhörer schwappen Vorhaltungen und Erwartungshaltungen, die ihr aufzeigen sollen, wie ein Leben zu sein hat und wie nicht, im Büro des Chefs schaut die alte Elite müde auf die Straßen unter sich, drängt bereits auf jene, die nachkommen. Für alle außerhalb des Lebensentwurfes der Mehrheit bleibt keine Zeit, schon gar nicht in der Hochleistungsgesellschaft Japans. Film fungiert einmal mehr als eskapistischer Exit aus dem Stimmengewirr besorgter Mütter und gesellschaftlicher Entsprechungen, denen man womöglich überhaupt nicht beizukommen versucht. Für Kumiko bleibt nur die Flucht, und schlussendlich die Erlösung im Tod. 

6/10

Zuletzt gesehen: Mai 2016

 

"Kid-Thing" [US '12 | David Zellner] - 6/10

"Captain America: Civil War" [US '16 | Anthony & Joe Russo] - 4/10

"Thor: The Dark World" [US '13 | Alan Taylor] - 2/10

"The Messenger: The Story of Joan of Arc" [FR '99 | Luc Besson] - 2/10

"The Leftovers" [US '14 | Season 1] - 5/10

"A Nightmare on Elm Street" [US '84 | Wes Craven] - 3/10

"The Cabin in the Woods" [US '11 | Drew Goddard] - 4/10

"The Invitation" [US '15 | Karyn Kusama] - 6/10

"The Equalizer" [US '14 | Antoine Fuqua] - 5/10

"About Time" [UK '13 | Richard Curtis] - 5.5/10

"Idiocracy" [US '06 | Mike Judge] - 1/10

"Lucifer Rising" [US, UK, DE '72 | Kenneth Anger] - 6/10

"Love" [US '16 | Season 1] - 3/10

"Excalibur" [UK, US '81 | John Boorman] - 4/10

"Horace and Pete" [US '16 | Louis C.K.] - 7/10

"Zootopia" [US '16 | Byron Howard & Rich Moore] - 4/10

"Coffee and Cigarettes" [US '03 | Jim Jarmusch] - 7/10

"Dead Man" [DE, JP, US '95 | Jim Jarmusch] - 5/10

"The Grand Budapest Hotel" [DE, UK, US '14 | Wes Anderson] - 6/10

Samstag, 28. Mai 2016

"Spectre" [UK '15 | Sam Mendes]


Was für ein Schnarcher. Die vielzitierte und gelobte Eröffnungsszene ist nichts weiteres als ein simpler Tracking Shot, der zwei Figuren von der Straße in ein Hotel und schließlich auf ein Dach begleitet. Anschließend folgt Hubschrauber-Äktschn zum Ersten, noch okay, wenn in die Innen-Cam geschaltet, spätestens im verschneiten Österreich aber sieht das nur noch beschissen aus und langweilt so wie die breite Masse moderner Unterhaltungsfilme in solchen Momenten eben langweilt. Positiv zu erwähnen sind gerade jene Szenen, in denen Mendes den Raum komprimiert und sich abseits von logistischen Action-Set-Pieces ganz auf Bildkomposition, Schattenspiel und Gesichter konzentrieren darf. Im schnippischen Einleitungsdialog mit dem jungen, alten Q oder dem ersten Kontakt mit der Spectre-Organisation und Oberhaupt Waltz scheint der müde Auftragsarbeiter wieder ganz bei sich und seinem Handwerk. Dann kommt Stimmung auf, die Lust an der Pointe überträgt sich und Bond kann für wenige Minuten in eine ihm fremde, bedrohliche Schattenwelt entführt werden, in der nichts außer der Schritte zu hören sind, die sich auf leisen Sohlen von hinten nähern. Ebenfalls anzubieten hat "Spectre" Fleischberg Bautista, der in einem kraftvollen, straighten Faustkampf im Zug das tun darf, wofür er unterschrieben hat. Neben Lea Seydoux steht er Craig zur Seite, fordert ihn und verlangt ab. Waltz hingegen macht den Eindruck in einem anderen Film mitzuspielen. Noch eine Bösewicht-Rolle hätte ich ihm jedoch auch nicht zumuten wollen. Er ist ebenso verschenkt wie Bellucci, die Bond in den ersten zwanzig Minuten einfach wegbumsen darf und das war's dann. Leider krass unterwältigend und ganz gehörig fad. Daneben sieht sogar MI5 schnieke aus. 

4/10 

Sonntag, 22. Mai 2016

"Groundhog Day" [US '93 | Harold Ramis]


Argh! Verdammte Ideologie-Kritik! Aber es hilft alles nichts: Wie so viele Filme seiner Dekade durchzieht "Groundhog Day" nicht nur auf der Subtext-Ebene stetig latenter Alltagsfaschismus. Dicke, Alte und Hässliche sind Weirdos, ausschließlich zu Erfüllungsgehilfen der Gags reduziert, cartoon'esk verzerrt und in einer letzten, krönenden Erniedrigung gar auf der buchstäblichen Bühne vorgeführt. Kameramann Larry (gespielt von Strange-guy-Abonnoment Chris Elliott) will keiner haben außer den ausgetrockneten, alten Damen, die ihn für günstig Geld erstanden haben. In solchen Momenten bricht sich ein ganzes Studiosystem Bahn und wie es Menschen sieht und kategorisiert - und Ramis' mangelnde Ambition aus der Prämisse über eine irritierend bieder inszenierte Klamotte irgendetwas herauszuholen. Zweimal verbaut er grässliche Autoverfolgungsjagden zur Streckung, kein einziges Mal scheint er die psychologischen Dimensionen zu erahnen, die hinter allem stehen könnten. Nichts ginge uns doch näher als die alltägliche Kommunikation und die Mechanismen, die uns beherrschen und die ein Laie Tag ein Tag aus für sich studieren könnte. Nichts wäre doch spannender als einem Egoisten dabei zu folgen, wie er nach und nach einen Blick an die Seite wagt und wie sich die Welt plötzlich Fragment für Fragment zu vergrößern beginnt - mit jedem Menschen, den er plötzlich zu sehen beginnt. "Groundhog Day" aber begnügt sich mit dem urkomischen Murray und einer Prämisse, die alle Grenzen zu sprengen vermag, es aber einfach nicht tut. "I always drink to world-peace." 

6/10 

Samstag, 14. Mai 2016

"Room" [CA '15 | Lenny Abrahamson]


In der zweiten Hälfte geht der Film dann das erzählerische Wagnis ein und erzählt von dem, wovon so wenige Filme vor ihm erzählt haben. Wie geht es weiter, wenn man der Gefangenschaft entflohen ist? Wie geht man mit Menschen um, die kaum noch wiederzuerkennen sind und deren Leiden man nicht einmal annähernd nachzufühlen imstande ist? Wie sehr wiegt der Schmerz der Verlassenen in der Relation zu den Entführten? - Zusätzlich zur Konfrontation einer jungen Mutter mit der Welt und der Verantwortung, die sie dort erwartet, thematisiert "Room" die erstmalige Konfrontation eines Jungen mit der Außenwelt und seinen Regeln. Das beinhaltet nicht nur das schwierige Psychogramm einer in Isolation erwachsenen Kinderseele, sondern offenbart auch einen äußeren Blick auf unsere Welt; was sie lebenswert macht, dass sie Angst bereitet, wie groß sie ist und fast endlos scheinend und dass sie Bedeutung dadurch erlangt, ineinander Halt zu finden. Jack hat keine Angst vor Monstern aus dem Kleiderschrank, denn sie existieren nur jenseits der Oberfläche des Fernsehbildschirms. In den Begrenzungen des Rooms und des Kleiderschranks findet er Ordnung und Struktur; etwas, das ihm mit seiner Flucht genommen wird und das er sich zurücksehnt. Und er steht damit nicht alleine in der Welt. Nichtsdestotrotz lag da immer etwas in ihm, das zu Größerem hinauswollte, das im Kopf Wolkenschlösser errichtete und fremde Welten besuchte - oder ganz pragmatisch einen Freund namens Lucky erfand. Abrahamson gebraucht die Palette filmsprachlicher Mittel nicht gerade subtil, aber er setzt an einem komplexen Punkt an und setzt sich gemeinsam mit Drehbuchautorin Emma Donoghue schwierigen Fragen aus, während er nicht das Risiko scheut das Gewicht ihrer Geschichte auf einer jungen Schulter lasten zu lassen. "Room" findet seinen Schlusspunkt konsequenterweise dort, wo er begonnen hat: beim Kern des Traumas, dem es sich auszusetzen gilt, wenn ein neuer Lebensabschnitt begonnen werden soll.

7/10

Montag, 2. Mai 2016

Zuletzt gesehen: April 2016

 

"Buffy" [US '00 | Season 5] - 6/10

"Buffy" [US '01 | Season 6] - 7/10

"Buffy" [US '02 | Season 7] - 7/10

"The Descendants" [US '13 | Alexander Payne] - 5/10

"Promised Land" [US '13 | Gus van Sant] - 5/10

"Adventureland" [US '09 | Greg Mottola] - 5/10

"Game of Thrones" [US '11 | Season 1] - 8/10

"Game of Thrones" [US '12 | Season 2] - 7/10

"Game of Thrones" [US '13 | Season 3] - 7.5/10

"Game of Thrones" [US '14 | season 4] - 8.5/10

"Game of Thrones" [US '15 | season 5] - 5.5/10

"Deadpool" [US, CA '16 | Tim Miller] - 4/10

"Das Mädchen mit dem Perlenohrring" [UK, LX '03 | Peter Webber] - 6/10

Samstag, 16. April 2016

"Fieber im Blut" [US '61 | Elia Kazan]


Einer dieser Streifen, bei dem man zu jedem Moment spürt, dass sich etwas bewegt, windet und sträubt. In den Figuren toben die Gefühle, die sie theatralisch die Gesichter verziehen lassen - wie bei jedem Kazan. „Fieber im Blut“ (oder der wunderbare Originaltitel „Splendor in the Grass“) ist zwar in vielerlei Hinsicht Coming-of-Age und bleibt ausnehmend adoleszenten Perspektiven verpflichtet, vermittelt jedoch gleichzeitig zwischen den Generationen. Das macht die Figuren ambivalenter und ihre Konstellationen interessanter. Zudem inszeniert er wahnsinnig präzise ins Detail: die Männer im Anzug, die wie ein ausgehungertes Wolfsrudel dem betrunkenen Blondchen auf den Parkplatz folgen, die sich schließende Tür im Büro des Psychologen, die plötzlich als Kameramaske den Blick auf Deanie komprimiert oder die tuschelnden Eltern am linken Bildrand und Deanie im Vordergrund auf der Veranda, unruhig nach hinten blickend. Kazan gibt den Blick entweder frei oder versperrt ihn, aber immer sind seine Figuren getrieben, werden erdrückt und sind von Eltern umgeben, die ihren Kindern die Luft zum atmen rauben. Und die mit Inbrunst errichteten Ideale, die Werte der alten Welt wanken im Körper eines hinkenden, ergrauten Patriarchen, der seinem Sohn die halbe Welt kaufen kann, außer das was zählt. Dieser sieht im Mädchen seines Sohnes nur die Trophäe, nur das Offensichtliche. Im sozialen Schnittpunkt Familie bricht wieder einmal alles zusammen, weil der eine nur reden kann und der andere nur zuhören darf. Die Doppelmoral kann nur unter dem Deckmantel der Verrücktheit verlautbart werden, aus dem Munde einer Ausgestoßenen. Sie nimmt die Wandlung der Deanie vorweg und reißt die Fassade etwas ein. Sie startet die Revolution, die sich in den Protagonisten schließlich vollzieht. 

6.5/10 

Sonntag, 10. April 2016

"Jack Goes Boating" [US '10 | Philip Seymour Hoffman]


Die Haare werden krause, verfilzt; kleine Spaghetti, die unter einer dicken Wollmütze begraben liegen. Und Jack geht durchs Leben, versucht's leicht zu nehmen und positiv. „Das beste am Winter ist, dass danach der Frühling kommt“ singt Nagel – und ich glaube Jack sieht das ganz ähnlich. Ein Großstadt-Held, der unerschrocken den Komplikationen des Lebens begegnet. Wirklich und ganz im Ernst liebenswert – wert, es geliebt zu werden. So wie er es verdient hat, glücklich zu sein. Wirklich glücklich, nicht für immer, aber für die längst mögliche Zeit. Indie-Klischees spart „Jack Goes Boating“ übrigens weitgehend aus und zelebriert vor allem die Seltsamkeit seiner Protagonisten nicht, um aus ihrem Zusammenspiel platte Akward-Pointen zu kondensieren. Und es ist klug, wie er die anfänglich vermittelten Perspektiven vom schönen, mehr oder weniger erfolgreichen Paar und dem Einzelgänger Jack in einer kammerspielartigen Konfrontation zwischen vier Menschen in vier bedrückenden Wänden sukzessiv einer Dekonstruktion unterzieht und all das in seine Einzelteile auflöst, was nach außen hin so gesichert schien. Dann ist der Film schmerzhaft und enthüllend, und angemessen unangenehm und anstrengend. Und dann tritt auch zutage, was solange unter bloßer Behauptung versteckt lag, und all die Ängste werden besprochen und all die Gefühle, die in der Stadt so nichtig erscheinen. Philip Seymour Hoffman darf zudem in einer weiteren seiner vielen sensiblen Rollen bestaunt werden. Uneitel spielt er einen wirklichen Menschen und lässt wirkliche Gefühle zu. Und zeigt Wege und Optionen auf, die einem bis dahin verborgen geblieben waren. Vorbildlich, selbstbewusst, die Rastas werden langsam, und der Sommer kommt - ganz bestimmt.

6/10

Mittwoch, 6. April 2016

"Homme Less" [US, AT '14 | Thomas Wirthensohn]


[…] Die vielfältig gearteten Formen der Obdachlosigkeit zeigt „Homme Less“ erst gar nicht auf – und das soll er auch gar nicht. Regisseur Thomas Wirthensohn zentriert ausschließlich ein Einzelschicksal und stellt es in den Mittelpunkt. Ihm scheint mehr um ein Porträt Reays gelegen und darum dessen Spuren bis hin auf das Dach eines New Yorker Apartmentkomplexes nachzuspüren, statt eine ausführliche Milieustudie betreiben zu wollen. […] Zwei Jahre lang begleitete Wirthensohn den obdachlosen Fotografen im Stile einer teilnehmenden Beobachtung, skizzierte dessen Alltag, führte Gespräche, heftete sich an dessen Fersen oder überließ dem Schauspieler Reay ganz einfach die Bühne. Der Zuschauer wird dabei zum Komplizen und Wirthensohn rückt ihn mit entsprechenden Bildern ganz nah heran: intime Momente scheinbar wahrhaftig verlebter Emotionen in verwackeltem Digitalbild, die Kamera im Nachtmodus, um den sich im Schlafsack verkriechenden Reay auch wirklich von morgens bis abends beobachten zu können oder dessen Gesicht in der Großaufnahme – die Gesichtsfurchen, die mit Mitte fünfzig eben ihre Kreise ziehen, die grauen Bartstoppeln oder das dünner werdende Haar, das durch die Pomade hindurch umso deutlicher sichtbar wird. [...]

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