Samstag, 18. Oktober 2014

"Bitter Moon" [UK, FR '92 | Roman Polanski]

 

Sexuell zum Bersten gespanntes Beziehungsspiel. Polanski zelebriert den jungen Apfelsinen-Körper von Ehefrau Emmanuelle Seigner nicht einfach, er erhebt ihn zum Gravitationszentrum, um das alles kreist und dem sich niemand entziehen kann. Er seziert Abhängigkeitsverhältnisse, (britische) Scheinheiligkeit und das Spiel mit der Lust in einem Prisma glänzender Titten, sexueller Offenbarung und immerwährender, zügellos waltender, animalischer Anziehungskraft – Intellektualismus durchkreuzt von den Ur-Trieben. Peter Coyote als unausstehlicher, Gesprächs-reflektierender Krüppel, Hugh Grant als er selbst in der Dekonstruktion all seiner Rollen. Verbal-Exhibitionismus at its best, ein Hort der Perversion und sexuellen Skurrilität. Polanski stellt die uns selbst auferlegten, moralischen Bürden in Frage, beschreibt Abhängigkeiten im Zuge vollkommener Selbstaufgabe und Erniedrigung als Ausdruck absolut ausgelebter Macht. Von der Illusion nie enden wollender, grenzenloser Liebe, starrem, kontinuierlichem Verlangen nach ein und der selben Person abseits jeder Lebenswirklichkeit bis zur Zerfleischung, der psychischen und dann plötzlich ganz physisch werdenden Verstümmelung ehemalig Liebender. Der zynische Schlussakkord, der dem unausweichlichen Ende vorausgeht, inmitten eines surrealen, Konfetti-verschießenden Gelages, hallt derweil über den Abspann hinaus nach. Geil!

7.5/10

Samstag, 11. Oktober 2014

"Warrior" [US '11 | Gavin O'Connor]

 

Ein Film über ein Haufen eitler Prolls, die glauben, das Leid der Welt kreise um sie. Der einzige, der hier wirklich auf die Fresse bekommt ist Nolte, der sich von Steroide-Hardy eine Vorhaltung nach der anderen anhören muss, ohnmächtig auf eine Chance der Vergangenheit verändert entgegenzutreten. Ansonsten: Genre as usual, erzkonservativ und tumb bis zum Abwinken. Statt sich mit Visagen-Kloppen ein paar Dollar dazuzuverdienen, sollte man sich hier eher fragen, ob man in der Vergangenheit finanziell immer die richtigen Entscheidungen getroffen hat. Ja, „Warrior“ ist schon martialisch und blöd, aber zum Glück ist das in der zweiten Hälfte egal. Dann ist er auch kurzweilig, unterhaltsam und durch die simpelste Turnier-Dramaturgie auch ungeheuer mitreißend. Guilty Pleasure. 

5/10

Freitag, 10. Oktober 2014

"Captain America: The Winter Soldier" [US '14 | Anthony & Joe Russo]


Überraschung. Um Welten bessere und in vielerlei Hinsicht verbesserte Fortsetzung des schwachen Erstlings. Sinnige, ausgewogene und abwechslungsreiche Action-Set-Pieces, die an den richtigen Stellen platziert und woanders ausgespart bleiben, haben richtig Druck auf dem Kessel und kommen vom generischen Finale einmal abgesehen ohne den gerade bei Marvel inhärenten CGI-Overkill aus. Die blasse Performance eines Evans wird dabei von den launigen Auftritten echter Profis zu großen Teilen aufgefangen. In dieser Hinsicht hat sich der Schritt, weg vom Ego-Trip einen gleichberechtigten Ensemble-Film zu installieren, in jedem Fall ausgezahlt, der endlich auch mal das spaßige Cast bis zu seinen Grenzen hin ausreizt oder entsprechend ausweitet. Sogar die Bedrohung ist richtig schön gallig, lässt nicht locker und ballert gerade Fury die Hucke voll. Der Winter Soldier verliert mit Offenbarung seiner Identität und Verlust seiner Halbmaske zwar vollkommen, partizipiert bis dahin aber von saftigen, Bad-ass-inszenierten Fights, die mit tollen Ideen (Lenkrad herausreißen) und rasanten Choreographien (Messerkampf) glänzen. Die Geschichte um eine Verschwörung innerhalb der S.H.I.E.L.D.-Organisation nimmt darüber hinaus genügend Platz ein, um ernst genommen zu werden und besinnt sich nach etlichen außerirdischen oder Terror-verbreitenden Bedrohungen auf die Gefahr im Verborgenen, die Paranoia am Arbeitsplatz und den Verräter in den eigenen Reihen. Tatsächlich: der beste Marvel-Film so far. 

6.5/10

Dienstag, 7. Oktober 2014

Conan-Retro #1: Wolkenkratzer, Bombe, Identität.

„Der tickende Wolkenkratzer“ [JP '97 | Kenji Kodama]


Die ausführlichen Intros der Conan-Filme erlauben es sogar interessierten Neueinsteigern hier einen kurzen Blick zu riskieren. Für Fans gibt es derweil ein Wiedersehen mit alten Bekannten, routiniertes Schnüffeln eines klugscheißenden Teenagers und Animationen, die leider nicht über Serien-Niveau hinauskommen. Am Status quo ändert sich auch hier nicht viel und all jene, die mit der Serie schon nichts anzufangen wussten, werden auch mit dieser netten Hatz nicht umgestimmt werden können. Ansonsten folgt zumindest die Erkenntnis, dass Conan auch auf der großen Leinwand funktioniert.

4.5/10

„Das 14. Ziel“ [JP '98 | Kenji Kodama]


Das Credo der Conan-Kinofilme scheint simpel: Einfach alles ist eine kleine Nummer größer und weitet die im Serienformat installierten Mehrteiler abermals aus. Mehr Figuren, längerer Showdown und immer geht irgendetwas kaputt. Dramaturgisch kopiert "Das 14. Ziel" sowohl Serien-Episoden (bei über 700 Folgen kein Wunder) als auch seinen Vorgängerfilm (Auflösung, Flucht, Sieg). Den Täter antizipiert man – selbst wenn man nur rudimentär mit "Detektiv Conan" vertraut ist - auch schon gut 50 Minuten vor dem Ende. Immerhin nutzen die Macher das neue Format, um den Protagonisten durch Exkurse in die Vergangenheit so etwas wie Tiefe zu verleihen und der jazzige Synthi-Soundtrack der Serie fällt hier zum ersten Mal richtig ins Gewicht, während die Schmarmützel zwischen den eigentlich erschreckend flachen Figuren, Nostalgikern nach wie vor ein Grinsen auf das Gesicht zaubern dürften.

5/10

„Der Magier des letzten Jahrhunderts“ [JP '99 | Kenji Kodama]


Klasse! Die Macher spielen alle Trumpfkarten aus, die ihnen das Serien-Franchise an die Hand gibt: Ein spannender Plot, der zum miträtseln einlädt, abwechslungsreiche Schauplätze (u.a. auf dem hohen Meer und einer Schloss Neuschwanstein-Kopie) und eine Vielzahl der sympathischen Figuren des Conan-Universums. Die Wendungen lassen im richtigen Maße an den eigenen Schlüssen zweifeln und die Hinweise sind offensichtlich und doch nie gänzlich einzuordnen. Deswegen bleibt vieles zunächst Ahnung und keine Gewissheit. Auch die vielfältigen Referenzen zu Geschichte, Sprache und Kultur eines Landes (hier: Russland) lassen in "Der Magier des letzten Jahrhunderts" (eigentlich: The Last Wizard of the Century) ein zentrales Element der Originalserie wiederaufleben. Zudem gönnt dieser dritte Kinofilm mit Kaito Kid auch einem der großen Conan-Gegenspieler einen mittelgroßen Auftritt. Und endlich wird auch Conan's wahre Identität ein entscheidendes Thema, das zunächst nur am Rande, dann aber ganz entscheidend zur Spannung beiträgt, geht es doch neben der Suche nach einem Mörder, sowie einem Meisterdieb, nun auch um die Bewahrung der eigenen Interessen. Bemerkenswert ist deshalb vor allem der große Plot, der vor dem Hintergrund einer klassischen Kriminalgeschichte das Genie eines narzisstischen Teenagers, minutiösen, Gadget-befeuerten Heist, Kinderabenteuer und Familiengeschichte miteinander vereinbart.

6.5/10

Donnerstag, 2. Oktober 2014

Zuletzt gesehen: September 2014

 

"Casshern" [JP '04 | Kazuaki Kiriya] - 6/10

"Monsters" [UK '10 | Gareth Edwards] - 4/10

"30 Days of Night: Dark Days" [US '10 | Ben Ketai] - 2/10

"Sleeping Beauty" [AU '11 | Julia Leigh] - 6/10

"Holy Motors" [FR '12 | Léos Carax] - 6/10

"Twin Peaks: Fire Walk With Me" [US '92 | David Lynch] - 6/10

"The American" [US '10 | Anton Corbijin] - 4/10

"Paranoia Agent" [JP '04 | Satoshi Kon] - 7.5/10

"Tron" [US '82 | Steven Lisberger] - 6/10

"Die Schiffsmeldungen" [US '01 | Lasse Hallström] - 5/10

"The Texas Chainsaw Massacre" [US '74 | Tobe Hooper] - 6/10

"Dame König As Spion" [UK '11 | Tomas Alfredson] - 7/10

"Ferris macht blau" [US '86 | John Hughes] - 4/10

"Critters" [US '86 | Stephen Herek] - 3/10

"Liebe" [AT, DE, FR '12 | Michael Haneke] - 6/10

"The Outsiders" [US '83 | Francis Ford Coppola] - 4.5/10

"Big Trouble in Little China" [US '86 | John Carpenter] - 6/10

"The House of the Devil" [US '09 | Ti West] - 7/10

"Hwal" [KR '05 | Kim Ki-duk] - 5/10

Montag, 29. September 2014

"Panic Room" [US '02 | David Fincher]

 

Stark! Fincher's stets als Fingerübung ausgewiesene fünfte Regie-Arbeit belegt lediglich die herausragende Qualität seines bisherigen Schaffens. „Panic Room“ ist von vorne bis hinten grandios gespielt, stets gnadenlos körperlich und von Fincher, der das Tempo im richtigen Moment anzieht, den Schnitt ausspart und die Kamera quasi das gesamte Apartment durchfahren lässt, exzellent in Szene gesetzt. Und obwohl der Handlungsort aufs Äußerste komprimiert ist, steht den Figuren der Schweißfilm auf der Stirn und die Anspannung ins Gesicht geschrieben. Denn das kann Fincher wie kein zweiter: Kinetik erzeugen, räumliche Begrenzungen kreativ überwinden, Stilblüten anordnen, Struktur nicht mit Stillstand verwechseln. Howard Shore wandelt mit seinem mal gleitenden, mal treibenden Score derweil auf den Spuren Polanski's, versteht Filmmusik demnach in erster Linie als Klangteppich, der sich nur ganz nuanciert aufbäumt, tosend wird, auflehnt, um im gleichen Moment wieder in sich einzukehren. Wichtiger noch ist Koepp's Vorlage, die keinen Bullshit macht. Von der ersten, bis zur letzten Minute macht das alles Sinn. Jede Handlung ist nachvollziehbar, keine Figur bloß Statist (Polizist) und Sentimentalitäten grenzt Koepp auf Kosten einer womöglich allzu toughen Mutter-Tochter-Konstellation gänzlich aus. Selbst für lakonisch-schwarzen Humor ist hier noch Platz. Jodie Foster gibt resolut eine dieser raren wirklich starken Frauenfiguren im Fincher-Kosmos, an ihrer Seite agiert eine sehr junge, gute Kristen Stewart. Ansonsten war Home-Invasion nie ansteckender, spannender und im richtigen Moment auch richtig schön schmerzhaft. 

7/10

Samstag, 27. September 2014

"The Deer Hunter" [US '78 | Michael Cimino]

 

Ein schwieriger und mutiger Film, der eigenwillige Schwerpunkte setzt und kraftvolle, ungewöhnliche Momente voll stillen Schmerzes entwirft. Die wenigen Sequenzen, die tatsächlich Vietnam zum Handlungsort haben, sind auch nach dreißig Jahren noch wirkungsvoll und arbeiten über die perverse Situation des Russisch-Roulette präzise mit dem Motiv der Willkür des Todes in einem Krieg, der eigentlich nie zu gewinnen war. Krieg ist hier ein brütend heißer, dampfender Ort, den man so schnell wie möglich wieder verlassen möchte und die Städte sind bebende Slums, in denen die Prostitution und das Glück regiert. Überhaupt, wer hier überlebt, hat einfach nur Glück gehabt. An der Darstellung des vietnamesischen Volkes, das hier in erster Linie als zockendes, menschenverachtendes Kollektiv gezeigt wird, kann man sich stoßen, wenngleich diese Vorwürfe dadurch, dass es sich in diesen Fällen zumeist um Mitglieder des Militärs handelt, einigermaßen entschärft werden können. DeNiro, Walken und Streep jedenfalls liefern hier absolute Glanzleistungen ihrer großen Karrieren ab, während sich „The Deer Hunter“ drei Stunden lang hingebungsvoll ihren facettenreichen Figuren widmet, immer wieder überrascht und jedem seine Zeile oder einfach einen stillen Moment gönnt. Die zynische Schlussszene verdeutlicht überdies die Zerrissenheit des Amerika der 70er Jahre, während auf Streep's Gesicht der Schmerz einer zutiefst verunsicherten Nation Ausdruck findet. Gleichzeitig versucht DeNiro die Haltung zu wahren und schreit in sich hinein. Solche Filme werden heute einfach nicht mehr gemacht. 

7.5/10

Samstag, 20. September 2014

"The Last Kiss" [US '06 | Tony Goldwyn]

 

Das erste Mal habe ich „The Last Kiss“ als heranwachsender Geschmacks-Verwirrter und einigermaßen großer Zach Braff-Fan gesehen. Circa sechs Jahre später, heute also, wollte ich mich diesem naiv-schönen Nichts erneut begeistert widmen - und scheiterte. „The Last Kiss“ ist vom Schlechten zu viel und vom Guten zu wenig, und er nutzt seine Chancen einfach nicht. Das schwammige Drehbuch versucht zwar irgendwo abseits der üblichen Schemata eine eigene Sprache zu finden, verfolgt aber keinen der thematischen Ansätze ernsthaft bis zum Schluss. 

Die Ambition gleich eine Hand voll Beziehungen – vom kürzlich getrennten Verzweifelten bis hin zum alten Ehepaar - und ihr scheinbares Scheitern zu sezieren, führt leider nur zu oberflächlichen Figurenskizzen und Beziehungsumrissen, von denen kein Part genügend Gelegenheit bekommt, sich konsequent von A nach B zu entwickeln, zumal sich die heraufbeschworenen Konflikte mit Coldplay-Mucke und unglaublich kitschigen One-Linern aus der Mottenkiste schlussendlich viel zu schnell in Wohlgefallen auflösen. 

Es fehlt einfach überall ein bisschen, niemand ragt heraus, reißt außerhalb seiner Figurenkonzeption irgendetwas oder geht ein Risiko ein - Braff ist er selbst, Barrett als Männer-verstehende Traumfrau einigermaßen beliebig und gerade wenn sie gegen Ende in ihre viel zu hysterische Rolle gedrängt wird auch erstaunlich unsympathisch. Tom Wilkinson als altväterlicher, Pseudo-Weisheiten-verbreitender Ignorant und Bilson in einer weiteren Nerv-Rolle komplettieren den Kreis jener, die sich einem Drehbuch ausgesetzt sehen, dass sich dann doch immer wieder dorthin drängt, von wo es sich eigentlich distanzieren möchte – dem einfachen Genre-Vertreter. 

„The Last Kiss“ ist dabei fortwährend ein zutiefst amerikanischer Film, und das ist okay, integriert er das amerikanische Selbstverständnis doch in einen geerdeten Rahmen. Wie es die Probleme und Ängste im Alltag aber nun zu bewältigen gilt oder ob eine Trennung manchmal vielleicht doch die beste Lösung ist, lässt der Film unbehandelt und beugt sich dem common sense seines Genres. Dass sich am Ende dann doch niemand trennt und scheinbar alles wieder ganz toll ist, widerstrebt dabei nicht nur den Figuren, sondern offenbart darüber hinaus auch eine überaus verquere Weltsicht, in der eine Scheidung und die Trennung des gemeinsamen Weges offenbar mit der Vorstellung eines traditionellen, alles auflösenden Happy Ends kollidiert. Nostalgie kann manchmal eben auch ein Fluch sein.

4/10