Montag, 2. Juli 2018

Zuletzt gesehen: Juni 2018

"The Great Kate" [DE '14 | Rieke Brendel & Andrew Davies] - 5/10

"A Perfect Murder" [US '98 | Andrew Davis] - 5/10

"Pixels" [US '15 | Chris Columbus] - 1/10

"Valerian and the City of a Thousand Planets" [FR '17 | Luc Besson] - 6/10

"13th" [US '16 | Ava DuVernay] - 5/10

"How to Talk to Girls at Parties" [US, UK '17 | John Cameron Mitchell] - 5/10

"Aviator" [US, JP '04 | Martin Scorsese] - 7/10

"Catch Me If You Can" [US '02 | Steven Spielberg] - 7/10

"Animal Farm" [UK '54 | Joy Batchelor & John Halas] - 5/10

"Jagten" [DK '12 | Thomas Vinterberg] - 7/10

"Pandora und der fliegende Holländer" [UK '51 | Albert Lewin] - 6/10

"Trading Places" [US '83 | John Landis] - 5/10

"Kids" [US '95 | Larry Clark] - 6/10

Sonntag, 1. Juli 2018

"A Perfect Murder" [US '98 | Andrew Davis]

Der Score poltert wirklich bis zur Schmerzgrenze. Bei jeder gewalttätigen Eskalation rumort es auf der Soundspur wie in einer schlechten Horrorfilm-Parodie - maximal funktional, aber leider auch maximal anstrengend. Douglas und Paltrow kommen als längst entzweites, sich skeptisch beäugendes Ehepaar derweil ziemlich gut. Insbesondere Paltrow schafft es, anders als ihre Vorgängerin Grace Kelly, sich durch nuanciertes Spiel bisweilen vom ewigen Opfer-Gestus ihrer Figur freizuspielen, wenngleich der Vergleich zu Kelly sicherlich etwas unfair ist. Douglas spielt das intrigante Arschloch bei aller Freude an seiner Darstellung fast schon zu lustvoll, folglich ist seine Figur nach zwanzig Minuten im Grunde restlos ausbuchstabiert. Rein figurenpsychologisch indiziert der Film eine ziemlich verrohte, finstere Welt, in der sich Lover (Viggo Mortensen) und Ehemann im Grunde schon nach ein paar Minuten einig sind, die arme Paltrow über die Klinge springen zu lassen. Der einzige Anreiz zum Morden ist dabei das Geld, was Douglas Figur fast schon als zugespitzte Weiterführung seiner ikonischen Gordon Gecko-Performance lesbar macht. Die Abweichungen vom Theaterstück und damit zur wohl bekanntesten Adaption durch Hitchcock retten „A Perfect Murder“ gerade zum Ende hin davor, zum latenten Langweiler zu werden. Gerade die Funktion des Detektivs in der Geschichte lässt der Film jedoch sträflich ungenutzt, obwohl paradoxerweise gegenteiliges angeteasert wird. Alles in allem geht der trotzdem gut durch, in den Händen eines fähigeren Teams hätte man aus den zeitlos reizvollen Prämissen der Grundlage aber auch einen kleinen 90s-Classic drehen können. So bleibt das Mittelmaß.

Dienstag, 12. Juni 2018

Zuletzt gesehen: Mai 2018

"Explorers" [US '85 | Joe Dante] - 5/10

"Vor der Morgenröte" [DE, FR, AT '16 | Maria Schrader] - 7/10

"Buster Keaton: A Hard Act to Follow" [US '87 | Kevin Brownlowl] - 7/10

"Der Junge mit dem Fahrrad" [FR '11 | Jean-Pierre & Luc Dardenne] - 6/10

"Das unbekannte Mädchen" [FR '16 | Jean-Pierre & Luc Dardenne] - 5/10

"The Howling" [US '81 | Joe Dante] - 6/10

"The Electric House" [US '22 | Edward F. Cline & Buster Keaton] - 5/10

"Good Time" [US '17 | Ben & Joshua Safdie] - 7/10

"The Boat" [US '21 | Edward F. Cline & Buster Keaton] - 6/10

"Pride and Prejudice" [UK '05 | Joe Wright] - 7/10

"Training Day" [US '01 | Antoine Fuqua] - 6/10

"Atlanta" [US '18 | Season 2] - 7/10

"Bound" [US '96 | The Wachowskis] - 7/10

"Kirschblüten und rote Bohnen" [ JP, FR, DE '15 | Naomi Kawase] - 6/10

"Sweetgrass" [FR, US, UK '09 | Lucien Castaing-Taylor & Ilisa Barbash] - 7/10

"The Big Sick" [US '17 | Michael Showalter] - 4/10

Montag, 21. Mai 2018

"Kaptn Oskar" [DE '14 | Tom Lass]

Keine locker-leichte Impro-Show, vielmehr eine zutiefst traurige Beziehungs-Studie. Der Elektrizität der Stadt weicht hier alsbald die lähmende Stille einer verzweifelten Landflucht. Am Seeufer tritt zutage, was in der Stadt noch vergraben war, aber von jeher angelegt. War es in Lass Vorgängerwerk noch seine eigene Figur, die in der stetigen Auseinandersetzung mit einem ausgeprägten Mutterkomplex durch sein Liebesleben stolperte, ist es nun die Figur seiner Freundin, die in den Armen älterer Männer auf Vatersuche geht. Wie in all seinen Filmen sind es pathologische Strukturen, die schlussendlich auch jeden Beziehungsverlauf determinieren. Formal ist das so ungezwungen wie das Spiel seiner Darsteller, aber auch „all over the place“, fragmentarisch, Impuls-getrieben, bisweilen kaum nachvollziehbar. Darin liegt die Großartigkeit der Filme des Berlin Flow, denen man in ihrer Verweigerung gegenüber herkömmlichen Storytelling-Anleitungen manchmal euphorisch zujubeln möchte. Auch weil diese Verweigerungshaltung sich nicht in anderen Dogmen manifestiert, sondern man das Gefühl bekommt, dass hier nach wie vor Filmemacher am Werk sind, die ihre intimsten Erinnerungen einem filmischen Übersetzungsprozess zugänglich machen. Kein Bullshit also, sondern Gefühlswelten und Ängste, unangenehme, schmerzhafte Beobachtungen, die in ihrer Beiläufigkeit erst ihre Wirkkraft entfalten; wenn die eigenen Fantasien scheitern und nichts übrig bleibt als das Gefühl, dass du dich schämen müsstest dafür zu denken; notfalls zu viel und in die falsche Richtung. Spricht man über den modernen deutschen Film, muss man auch dringend hierüber sprechen.

Donnerstag, 10. Mai 2018

"Ende eines Sommers" [FR '08 | Olivier Assayas]

Ich benötigte eine geschlagene Stunde, um mir einen Reim darauf zu machen, wovon dieser Film eigentlich erzählte. Das sind immerhin Zweidrittel der gesamten Laufzeit, die ich so im Dunkeln verbrachte - nachdenklich, hadernd, suchend. Und bitte versprechen Sie mir, nicht zu gehen, wenn ich Ihnen verraten habe, was ich entdeckt habe. „Ende eines Sommers“ handelt nämlich von alledem, das zunächst kalt, dinglich und seelenlos erscheint. Er handelt von Objekten, die zu Artefakten werden, von Orten, die mit den Hinterlassenschaften eines Toten beladen sind und denen jedes Leben entwichen ist. Er handelt vom Schreibtisch - dem alten, der Kommode - der hässlichen, der Vase - der seltenen. In gewisser Weise handelt also auch „Ende eines Sommers“ von Gespenstern, oder doch zumindest von den Dingen, die ihre Anwesenheit indizieren. Und er erzählt von der seltsamen Praktik der Menschen, ein Leben lang die Dinge anzusammeln, als Ausdruck eines Selbstverständnis, aber auch als Teil eines Selbst, diese Dingwelten mit Bedeutungen aufzuladen und die intimsten Erinnerungen an sie zu ketten; er erzählt davon, sich in der Materialität der Dinge etwas gewiss zu werden, das sonst so unfassbar durch die Gedanken schwebt. Mit dem Ende eines Lebens stehen diese Dinge nur noch da, als Ankerpunkte und Erinnerungsfragmente an einen Menschen.

Auf die Brutalität des Todes folgt gleichsam die Brutalität der Bürokratie, die die Dinge nach ihrem Verkaufswert evaluiert, Bestände aufteilt und sie aus der Sphäre des Privaten herauslöst, um sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen – institutionalisiert, mit Sachverstand kommentiert und in weiten, kalten Räumen ausgestellt. Der Film erzählt deswegen auch von musealen Praktiken und dem verzweifelten Versuch der Vergangenheit materiell fassbar zu werden. Welchen Sinn hat die Vase in der Glasvitrine, mit Samthandschuhen präpariert, wenn sie keine Blumen trägt? Assayas ist parteiisch, nähert sich der Institution aus den intimen Erinnerungen einer weit verstreuten Familie heraus – und doch gelangt er zu einer ganz profunden Erkenntnis: Die Vergangenheit lässt sich nicht konservieren und sie haftet den Dingen nicht für ewig an – sie verblasst. Assayas verlässt das Museum und wischt den Staub von den Tischplatten. Das Gottverlassene Haus lässt er von Jugendlichen bevölkern, die die Räume der Vergangenheit mit neuen Bedeutungszuschreibungen überschreiben – indem sie dort eigene Erinnerungen erschaffen. Hinter den letzten Bildern des Films steht nichts als Zuversicht und Vertrauen. Auf den Tod folgt das Leben, aber auf das Ende des Sommers folgt... der Sommer!

Samstag, 5. Mai 2018

Zuletzt gesehen: April 2018

"Heat" [US '95 | Michael Mann] - 10/10

"Gladiator" [US '00 | Ridley Scott] - 4/10

"A River Runs Through It" [US '95 | Robert Redford] - 7/10

"DC: Die azurblaue Piratenflagge" [JP '07 | Taiichiro Yamamoto] - 4/10

"DC: Die Partitur des Grauens" [JP '08 | Taiichiro Yamamoto] - 6/10

"DC: Der nachtschwarze Jäger" [JP '09 | Taiichiro Yamamoto] - 5/10

"The Terror" [US '18 | Season 1] - 5/10

"Zero Dark Thirty" [US '12 | Kathryn Bigelow] - 4/10

"Kiss Me Deadly" [US '55 | Robert Aldrich] - 6/10

"Dawson's Creek" [US '98 | Season 1] - 5/10

"The Life and Death of 9413" [US '28 | Slavko Vorkapich] - 8/10

"Das Cabinet des Dr. Caligari" [DE '20 | Robert Wiene] - 7/10

"Jason Bourne" [US '16 | Paul Greengrass] - 5/10

"Our Hospitality" [US '23 | Buster Keaton & John G. Blystone] - 8/10

"Sherlock Jr." [US '24 | Buster Keaton] - 9/10

"Three Ages" [US '23 | Buster Keaton] - 5/10

"The Navigator" [US '24 | Buster Keaton & Donald Crisp] - 6/10

"Seven Chances" [US '25 | Buster Keaton] - 6/10

"Go West" [US '25 | Buster Keaton] - 5/10

"Bad Timing" [US '80 | Nicolas Roeg] - 6/10

"Virgin Mountain" [IS '15 | Dagur Kári] - 6/10

"You Were Never Really Here" [US '17 | Lynne Ramsay] - 8/10

"Phantom Thread" [US '17 | Paul Thomas Anderson] - 6/10

"Star Wars: The Last Jedi" [US '17 | Rian Johnson] - 4/10 

"Kein K.O." [FR '16 | Xavier Sirven] - 7/10

"Thor: Ragnarok" [US '17 | Taika Waititi] - 3/10

Sonntag, 29. April 2018

"You Were Never Really Here" [US '17 | Lynne Ramsay]

Gore-Bauern werden enttäuscht sein: Sicherheitskameras, Kamerawinkel und Jump Cuts verstellen jeden Blick auf die exzessiven Gewalteskalationen. Alle äußere Gewalt schirmt Ramsay von unserem Blick ab. Die gewaltsamste Szene geschieht folglich nur in der Vorstellung ihres Protagonisten. Was wir zu sehen bekommen, sind vielmehr die Effekte von Gewalt - auf diejenigen, die Gewalt erfahren, aber auch auf diejenigen, die Gewalt ausüben – nicht selten eint sich Opfer- und Täterschaft in ein und der selben Person. Das wird sowohl in Phoenix Charakter Joe als auch im zu rettenden Mädchen deutlich. Diese verkopfte Annäherung dekonstruiert das Genre im gleichen Maße, wie es dieses ultimativ ernst nimmt, indem es seine Mechanismen erprobt, Strukturen emuliert, um dann die dahinterliegenden Voyeurismen sichtbar zu machen. Der Rache-Thriller erreicht in der Konsequenz seinen Endpunkt, denn der Rächer mag nicht mehr, poliert jedem die Fresse, scheint unbesiegbar, weil schon längst besiegt. 

Joe ist befremdet von der Moderne und seinen Widersprüchen, zerrissen von der Banalität der Gewalt (ein Kind erschießt ein anderes für einen Schockriegel) und ihren Hinterlassenschaften in ihm (er imitiert seinen Vater in der Wahl seiner Waffe). Die Erfahrung von Gewalt ruft in Joe jedoch nicht eine ebenso willkürliche, gewaltsame Reaktion hervor, wie sie Kriegsheimkehrer Travis Bickle einst charakterisierte, sondern ist ungleich kanalisierter (professionalisierter). Die gewaltsamen Erfahrungen aus Kindheit und Kriegszeit richten sich stattdessen gegen ihn selbst. Joe möchte nicht mehr da sein, weil er denkt nie wirklich dagewesen zu sein. Haben Depressionen ein Gesicht, sind sie bei Joaquin Phoenix zuhause, der durch diesen Film schlurft, Menschen mit einem Hammerhieb aus dem Leben tilgt und am liebsten gleich mitgehen würde - also legt sich Joe neben eines seiner Opfer, mit dem Bauchschuss langsam dahinsiechend und gemeinsam summen sie das Lied einer längst verblassten Erinnerung. 

Es sind solche Szenen der Irritation und Elegie, die "You Were Never Really Here" besonders machen; sie markieren das Moment der Überraschung. Und man ist froh, dass Ramsay die Errettung eines armen Mädchens aus den Fängen eines Prostitutionsrings überhaupt nicht versucht als erbauliche „Kick-Ass“-Variante zu erzählen. Die Beziehung zwischen Joe und Nina ist so ambivalent und vielschichtig wie der ganze Film: so sehr der finale Akt der Gewalt für Nina Selbstermächtigung bedeutet, so sehr bringt er für Joe die grauenvollste aller Realisationen mit sich. Und so wie sich die Gewalt durch die Erlebnisse seiner Kindheit in ihm fortgepflanzt hat, so hat sie sich nun in Nina neu gebärt. Joe reißt sich also das Hemd vom Leib, wünscht sich eine Kugel in den Kopf und sackt weinend in sich zusammen. Er muss erkennen, dass Gewalt niemals endet. 

Samstag, 21. April 2018

"Smallville" [US '01 - '02 | Season 1 & 2]

„Smallville“ mit einem Wort: bittersüß. Clark und Lex, hier Freunde, die sich nie so ganz die Wahrheit sagen können und die die Kräfte der Bestimmung immer weiter auseinander zu treiben droht, sind dazu verdammt, zur Nemesis des jeweils anderen heranzureifen. Währenddessen dürfen Clark und Lana sich zwar tonnenschwere Blicke zuwerfen, schmachtend die Lippen befeuchten, aber eben nie wirklich zueinander finden. - So will es der Kanon der Popkultur, der jedes Schicksal im Kansas-Kaff Smallville zu einem Puzzle-Teil einer kosmischen Prophezeiung degradiert. Mit anderen Worten: alles ist determiniert und niemand entrinnt seiner vorherbestimmten Rolle. Die Geister der Vergangenheit ruhen nicht so lange, bis sie in der Gegenwart die Zukunft gestalten. Vielleicht mit Ausnahme dieser süßen Blonden mit den abstehenden Haaren an den Seiten - die mit dem unwiderstehlichen Lächeln. Jene rasende Reporterin, die außerhalb der Comic-, Fernsehen- und Kinogeschichte erdacht, aber umso schneller akzeptiert worden ist - als der fehlende Link zwischen Smallville-Clark und Metropolis-Clark. Aber auch ohne diese funktionale Rolle ist Chloe Sullivan eine Bereicherung für das Kleinstadtleben, das manchmal öde sein kann und vorhersehbar. Irgendwer fällt auf Meteoriten-Gestein, entwickelt irgendwelche Kräfte und kidnapped vornehmlich das Love Interest des Man of Steel, der dann in letzter Sekunde Kugeln stoppen oder Mutanten ausknocken darf – gerne auch beides. An solchen Tagen ist Chloe pure Energie und pure Lebensfreude. Ihre „Wall of the Weird“ begleitet die Serie dabei, wie das „I want to believe“ Mulder und Scully bei ihren Konfrontationen mit dem Undenkbaren. Ihre unerwiderten Gefühle sind eine der Spannungskonstanten der Serie. Und sie eines jener Identifikationsangebote, die man in einer Teenager-Serie so dringend braucht.

Eine Serie, die auch vornehmlich die Leitmotive der teenage angst behandelte, und es lediglich mit überbauhafter Phantastik zu garnieren wusste, war Whedons „Buffy“, in der auch ein mit übermenschlichen Kräften ausgestatteter Teenager mit seinen Freunden den Kräften des Bösen trotzte. „Smallville“ ist, bei allen strukturellen Gemeinsamkeiten, allerdings kein „Buffy“; nicht so Neunmalklug, nicht so witzig, nicht so konsequent und nicht so kreativ. Im Verbund stellen sie dennoch eine aussterbende Sorte Serien-Unterhaltung dar, in der hingebungsvoller Gefühlskitsch und Genre-Sensibilitäten noch eine hochentzündliche Verbindung eingingen. „Smallville“ geht dabei seinen eigenen Weg, bei dem nicht immer sicher ist, was ernst gemeint und was augenzwinkernd. Werden Teenager in Smallville zu Bad Boys tragen sie plötzlich Ledermantel und Sonnenbrille und tragen die Haare hochgegelt – an einer Stelle tragen sie sogar einen Ghettoblaster durch die Gegend, weil das in der Schule ja besonders gut kommt. Die Stärken der Serie, bei aller Häme, sind indes nicht zu übersehen. Statt des Monsters of the Week gibt es den Freak of the Week, der immer auch Produkt seiner Umwelt ist und nicht bloß manifestiertes Böses in Mythengestalt. „Smallville“ behandelt die Leitmotive der Adoleszenz auch immer über seine Gegenspieler, deren Handeln fast immer Ausdruck verborgener Sehnsüchte oder angestauter Frustrationen ist. Bei so viel Menschenliebe verzeihe ich gerne jede Repetition, jeden hässlichen Weichzeichner und jede versteinerte Miene Tom Wellings, unfähig auch nur eine einzige ambivalente Emotion glaubhaft zu machen.

Donnerstag, 12. April 2018

"The Terror" [US '18 | Season 1]

Die Terror und die Erebus stechen in See, aber alsbald stecken sie in ihr fest. Beginnt die Polarnacht, kommt mit ihr die Finsternis und der Schrecken, der sich in ihr gebärt. Lovecrafts Berge des Wahnsinns bestehen aus Eis und sie entschleunigen die Symbole imperialistischen Pionier-Geistes solange, bis sie endgültig zum Stehen kommen. Mit den Schiffen kommt auch ihre Mission zum Stehen, die vorsah, durch die Entdeckung einer Nordwestpassage dem britischen Imperium einen global-strategischen Vorteil zu verschaffen; und mit den Manieren der feinen Englishmen bröckelt auch das ideologische Fundament der Zivilisation, die sie hervorgebracht hat. Erebus und Deimos (Terror), Götter und Dämonen eines untergegangenen, antiken Imperiums, werden von nun an zu einem ständigen Begleiter – und einem prophetischen Omen. Je existenzieller die Bedrohungen werden, desto leichter lässt sich jede mühsam erkämpfte zivilisatorische Errungenschaft wieder ablegen und mit der Ausnahmesituation treten aus dem unüberschaubar breiten Figuren-Pool echte Charaktere hervor. Es werden die ganz persönlichen Lieblinge sichtbar, die Starken und die Schwachen, die Fürsorgenden und Mutigen, die Mitläufer, die Anführer, die Feiglinge, die Opportunisten - die Verrückten. Und es treten die Differenzen der Überlebensstrategien zutage, je deutlicher die Verzweiflung der Situation für alle spürbar wird. Die Themenkomplexe der Serie liegen dabei offen zur Schau: das Andere, die Grenzen des solidarischen Gedankens, die Grenzen humanitärer Ethik, aber auch die Grenze, die geschichtsträchtige Frontier selbst und seine Verlockungen. In der Beschäftigung mit den großen Mysterien der Franklin-Expedition greift die Serie bekannte Theorien auf (das Blei in den Konservendosen) und erweitert sie um wenig ergiebige, phantastische Elemente (sie wurden von einem Eisbären aus dem Computer gefressen). Mit zunehmender Dauer opfert man nicht nur prinzipiell spannende Dichotomien und Ambivalenzen einer unausgegorenen Figuren-Idee (Mr. Hickey), es werden auch die Hallen sichtbar, in denen die Serie gedreht worden ist. Verzieht sich dann der Nebel des Mythos (der gerade durch die Leerstellen des historischen Falles an deren Stelle getreten ist), wird es hässlich und konkret. Und der Schrecken wird gebannt.

Sonntag, 8. April 2018

"Lady Bird" [US '17 | Greta Gerwig]

Schon klar, das Leben ist kein Wunschkonzert. Ich wünsche Greta Gerwig trotzdem mehr Ruhe, in den Leben ihrer Figuren auch die hässlichen Momente auszuhalten. Denn das hohe Tempo fordert seinen Tribut: der tänzelnde Schritt des Filmes, einer Frances Ha gleich, verdichtet die vielen Themenkomplexe einer Emanzipationsgeschichte zu einem außerordentlich kurzweiligen, federleichten Vergnügen, droht aber auch über jede Tiefe ignorant hinweg zu tänzeln. Die extrovertierte Lady Bird knüpft direkt an jene lebensbejahenden, quirligen Figurentypen an, der sonst Gerwig selbst Gesicht und Körper leiht. Sie sind das Übertragungsmedium dieser sommerlichen, elektrisierenden Lebensfreude und der schier unstillbaren Lust auf die Welt, die einen, wenn unkontrolliert übertragen, fast zum bersten bringt. Aber sie schieben auch andere Dinge beiseite, die ebenfalls beachtenswert wären. Die liebevolle Vaterfigur hätte beispielsweise ebenso gut gleichberechtigt neben der Mutter existieren können, um den Film als ausgleichendes Temperament auch tonal zu erden.

Dieser schreitet – vielleicht ganz bewusst – tatsächlich wie ein bockiger, engstirniger Jugendlicher ohne einen Blick zur Seite zu wagen voran; mäht alles über, was sich ihm in den Weg schmeißt; kreischt los, wenn es sich richtig anfühlt, weint, wenn es sich richtig anfühlt, lacht, wenn es sich richtig anfühlt. Die Direktheit seiner Hauptfigur legitimiert dem Film jeden Ausrutscher: die Freundin wird für ein vermeintlich reiferes Mädchen fallen gelassen, die Mutter immer wieder vor den Kopf gestoßen. Fehltritte realisiert Lady Bird erst nachdem sie ihr unmittelbar vorgeführt worden sind und der Film kommentiert sie nicht, wenn sie geschehen. Hier spricht der Film ganz und gar die Sprache seiner Hauptfigur, die sich konsequenterweise in erster Linie um sich selber kümmert. Insofern lässt sich sicherlich für diese perspektivische Entscheidung argumentieren, auch wenn sich mir persönlich nur ganz sporadisch ein Zugang zu den Figuren und ihrer Welt eröffnete. Dafür blieben sie in der Geschwindigkeit, in der sie durch die Schauplätze der Adoleszenz rasten, immer seltsam distanziert. Wo ich lieber länger in den Gesichtern nach einer Regung geforscht hätte, kam mir ein Song dazwischen; wo die Worte eigentlich noch Raum benötigten, um ein Echo zu erzeugen, kam der Schnitt.