Sonntag, 19. November 2017

"Death Proof" [US '07 | Quentin Tarantino]

Irgendwo in „Death Proof“ steckt ein richtig toller Film. Das Konzept, Slasher-Reißer und 70er Jahre-Auto-Film miteinander zu kreuzen, klingt reizvoll und zunächst nach einer durchaus originellen Idee. Ebenso reizvoll ist es, eine erste Frauengruppe zu installieren, gänzlich über die Klinge springen zu lassen, um dann eine weitere vorzustellen, die dem bis dahin zum bedrohlichen Mythos gewordenen Russell mal so richtig hart den Arsch versohlt. Hier ist der Film ein einziger Triumph. Leider erzählt Tarantino bis dahin unglaublich unkonzentriert und naheliegend. Emanzen sind bei Tarantino vor allem laut, sexbessesen und unfassbar geschwätzig. Gleichzeitig erzählen sie über einen ausschweifend langen Bar-Abend hinweg erschreckend wenig – und Tarantino kann einfach nicht aufhören noch eine weitere, besonders tolle Platte aufzulegen, die er aus den Untiefen irgendeines unbekannten Vinyl-Schuppens geborgen hat. Statt dem Grindhouse-Konzept einen straighten, konzentrierten Beitrag zu schenken, will Tarantino unbedingt Klassenbester sein und auch schon die Hausaufgaben für nächste Woche machen. Hier wäre weniger mehr gewesen. 

6/10

Dienstag, 7. November 2017

Zuletzt gesehen: Oktober 2017

"The Hunt for Red October" [US '90 | John McTiernan] - 5/10

"Patriot Games" [US '92 | Phillip Noyce] - 5.5/10

"Clear and Present Danger" [US '94 | Phillip Noyce] - 6/10

"Three Days of the Condor" [US '75 | Sydney Pollack] - 6.5/10

"Before We Go" [US '14 | Chris Evans] - 4/10

"Jack Reacher: Never Go Back" [US '16 | Edward Zwick] - 4/10

"Thirteen Days" [US '00 | Roger Donaldson] - 5/10

"Shameless" [US '11 | Seasosn 1] - 5.5/10

"Blade Runner 2049" [US '17 | Denis Villeneuve] - 5/10

"Blade Runner" [US '82 | Ridley Scott] - 10/10

"Rick and Morty" [US '17 | Season 3] - 7/10

"Das große Fressen" [FR, IT '73 | Marco Ferreri] - 6/10

"Mulholland Drive" [US '01 | David Lynch] - 8/10

"Der Wert des Menschen" [FR '15 | Stéphane Brizé] - 7/10

"Dune" [US '84 | David Lynch] - 5/10

"Shivers" [CA '75 | David Cronenberg] - 5.5/10

"Tatort: Der rote Schatten" [DE '17 | Dominik Graf] - 6/10

"John Wick: Chapter Two" [US '17 | Chad Stahelski] - 5/10

"Zodiac" [US '07 | David Fincher] - 7/10

"King Kong" [US '33 | Merian C. Cooper & Ernest B. Schoedsack] - 6/10

"Schmetterling und Taucherglocke" [FR '07 | Julian Schnabel] 6.5/10

"Spider-Man: Homecoming" [US '17 | Jon Watts] - 4/10

"Atomic Blonde" [US, DE '17 | David Leitch] - 4/10

Samstag, 28. Oktober 2017

"Her" [US '13 | Spike Jonze]

In „Her“ wird Utopie und Dystopie gleichermaßen sichtbar. Utopisch sind nicht nur die Müll-befreiten Promenaden und farbenfrohen Großraum-Büros, die Graffiti-freien High-Tech-Züge (natürlich gefilmt in Japan) oder das gänzlich Smog-freie Downtown L.A., sondern vor allem die Realitäten der zukünftigen Arbeitswelt. Denn Arbeit, so scheint es zumindest, ist hier schon lange keine ökonomische Notwendigkeit mehr, sondern zuvorderst ein Instrument zur Selbstverwirklichung. Protagonist Theodore (Hundeblick: Joaquin Phoenix) schreibt beruflich die persönlichen Briefe fremder Leute, die nicht in Worte zu fassen glauben, was sie fühlen und denken; später sollen diese sogar professionell verlegt und physisch erhältlich sein. Freundin Amy (Amy Adams), ein bemitleidenswerter Charakter, der dreinschaut wie ein Schluck Wasser in der Kurve, dreht Kunstfilme über das Schlafen und sucht in der Einfachheit der Kunst berufliche Erfüllung. Als das nicht ganz zu klappen scheint, produziert sie Videospiele über Kindererziehung. Das bedingungslose Grundeinkommen hat den Menschen dieser Utopie endlose Freiheit gewährt, zeigt aber auch diejenigen, die an den Herausforderungen schier grenzenloser Selbstbestimmung zu scheitern drohen. Auch Oberlippenbärte und Hüfthosen ohne Gürtel sind Bestandteil dieser Utopie. Aber ob diese nun utopisch sind oder nicht, steht wohl offen zur Debatte.

Die Dystopie von „Her“ liegt nicht in der technologischen Fortentwicklung und der Evolution der Arbeitswelt – die Dystopie ist vielmehr ideologischer Natur: sie liegt in der Idee des Glücks. Das Streben nach dem Glück, unter anderem in der Präambel der Verfassung festgeschrieben, ist in der nahen Zukunftsvision von Jonze mehr denn je zu einer amerikanischen Bürgerpflicht geworden. „Her“ ist bestimmt von der Omnipräsenz der Gefühle. Andauernd befragen sich die Figuren nach ihren Gefühlszuständen, prüfen nach, was sich in ihnen gerade bewegt und ob sie glücklich sind oder nicht. Gerade weil die Menschen in dieser Dystopie unentwegt ihre Seelenwelt erforschen müssen, können sie nicht glücklich sein. Wenn Ideal- und Ist-Zustand laufend abgeglichen werden, muss die eigene Vorstellung des Glücks zwangsläufig scheitern. Im Falle von Theodore scheitert jede neue Kontaktaufnahme mit anderen Menschen an der idealisierten Erinnerung an eine vergangene Beziehung, die Jonze über langweilige, weil viel zu offensichtliche Rückblenden sichtbar macht. Theodore lässt sich von der Idee eines Glückes beherrschen, das per Definition nie final festgestellt werden kann, weil Sehnsüchte und Bedürfnisse sich laufend neu gebären. Die Konsequenz daraus ist deprimierend: die Menschen in „Her“ werden niemals glücklich sein. - Die Dystopie von „Her“ liegt in der Diktatur des Glücks.

Montag, 23. Oktober 2017

"Zwei Tage, eine Nacht" [BE, IT, FR '14 | Jean-Pierre & Luc Dardenne]

Cotillard gleitet nicht, fliegt nicht anmutig, treibt nicht sehnsuchtsvoll dahin. Cotillard kriecht auf allen Vieren, hängt kraftlos in den Seilen, schleppt sich von Haustür zu Haustür, die Hoffnung längst an den rostigen Nagel gehängt. Einmal buckeln und betteln, dann wieder aufraffen, dann nochmal alles von vorne, aber bitte nett dabei. Täglich grüßt das Murmeltier. Die Depression sitzt noch im Nacken, macht die Schultern schwer und trübt den Verstand, der durch die glasigen Augen ohnehin nichts zu erkennen vermag. Und depressiv macht „Zwei Tage, eine Nacht“ auch. Tief depressiv. Solidarität ist so ein schönes Wort, wenn es Leute in Anzügen über die Flimmerkiste verbreiten oder auf Wahlplakate schreiben. Cotillards Figur, ein geprügelter Hund, der uns auf eine moderne Odyssee mitschleift, die einem am liebsten erspart bleiben würde, darf sich erniedrigen, den Kopf einziehen und doch irgendwie versuchen Haltung zu wahren. Ihre Reise und ihre Begegnungen machen traurig und hoffnungsvoll zugleich, die meiste Zeit aber zuvorderst wütend auf System und Leute. Und doch selbst so ahnungslos dabei. 

8/10

Freitag, 20. Oktober 2017

Die 10 besten Horrorfilme aller Zeiten

Der Titel ist kompletter Unsinn - das sind natürlich nicht die zehn besten Horrorfilme, schon gar nicht aller Zeiten. Dafür eröffnet solch eine Liste, gerade im für Horrorfilme prädestinierten Monat Oktober, einmal die Chance für eine persönliche Bestandsaufnahme: Wo liegen eigene Präferenzen im Horrorgenre, welche Jahrzehnte haben den größten Eindruck hinterlassen, sind unter den Einträgen sogar thematische oder stilistische Verbindungslinien zu finden? Da ich mit gegenwärtigen Horrorfilmen eher selten etwas anfangen kann und Jump Scares in erster Regel anstrengend, nicht aber gruselig finde, werden die meisten Produktionsjahre wohl vor den Nullerjahren liegen. Umso interessanter sind demnach Nennungen die dann tatsächlich einmal aus jüngerer Vergangenheit stammen.

Was nun aber einen Horrorfilm konstituiert und was nicht ist letztendlich eine müßige Diskussion, denn eine scharfe Trennung zum artverwandten Thriller ist oft schwierig. Um die Liste trotzdem nachvollziehbar zu machen, nur soviel: Horrorfilme sind für mich solche Filme, die den Zuschauer in einen Zustand der Angst versetzen. Ich folge also einem weiten, wirkästhetischen Verständnis, wie es beispielsweise auch Ursula Vossen in ihrem Überblickswerk beschreibt („Filmgenres: Horrorfilm“). Abgrenzend zum Thriller treten in Horrorfilmen auch häufig Elemente des Phantastischen in den Vordergrund. Horrorkomödien habe ich aufgrund des ersten Kriteriums ausgeklammert. Sorry, „Gremlins“!

Ein weiteres, mir sehr wichtiges Element des Horrorgenres ist die Begegnung und Konfrontation mit dem Anderen. Diese muss nicht immer in Mord und Totschlag gipfeln, sondern kann auch eine empathische, gar zärtliche Auseinandersetzung mit dem Fremden ermöglichen. Meiner Meinung nach liegt hier eine der großen Chancen des Horrorkinos, das Selbst im Fremden zu erkennen und die Konfrontation mit kollektiven und individuellen Angstwelten. Der Horrorfilm ist demzufolge auch nicht primär destruktiv, sondern kann konstruktiv einen Dialog eröffnen. Konstruktiv kann er auch deshalb wirken, weil er dorthin geht, wo es relevant wird: dort, wo die Wunden sichtbar werden.

„Alien“ [US '79 | Ridley Scott]

Organisch-orgiastische Weltraum-Hatz. Ripley rennt, das Alien jagt. Aber nur so lange bis Ripley den Flammenwerfer in die Finger bekommt und den Schalter für den Notausgang findet. Scott versucht bis heute an dieses tiefschwarze Überlebensdrama anzuknüpfen und verlängert doch nur die Qualen eines sterbenden Patienten. Den Überlebenskampf seiner Protagonistin in einer lebensfeindlichen, feuchten Umgebung sollte dieser nie wieder derart atmosphärisch zu greifen bekommen wie 1979.

„Blair Witch Project“ [US '99 | Daniel Myrick & Eduardo Sánchez]

Als Mockumentary noch keine Warnung war, sondern methodisches und erzählerisches Neuland. Die Blair Hexe sollte hier nie zu sehen sein, stattdessen wird sie hörbar gemacht – in den Gruselgeschichten, die die Bewohner des Städtchens Burkittsville sich seit Generationen hinter vorgehaltener Hand erzählen, in den Ausführungen von Protagonistin Heather, die dem Hexenmythos über eine empirische Feldforschung auf die Schliche kommen möchte und natürlich in den leisen Schritten, den fernen Stimmen und dem nächtlichen Wind, der flüsternd über die Zeltplane streicht.

„Scream“ [US '96 | Wes Craven]

Anders als im ultra-selbstreferentiellen Sequel glänzt dieses Meisterwerk auch durch Momente wahren Horrors. Das zeigt insbesondere die meisterhafte Eröffnungsszene, die sich zwar selbstbewusst Pop-kulturell verortet, aber eben nicht dauernd auf sich selber hinweisen muss. Ob das nun aber Dekonstruktion, Satire oder schwarze Komödie ist, ist am Ende auch egal - „Scream“ ist schlicht und ergreifend ein guter (Horror-)Film.

„Don't Look Now“ [IT, UK '73 | Nicolas Roeg]

Nichts hat sich mir je so eingebrannt wie das Gesicht der kleinen Gestalt im roten Regenmantel. Und die unglaublichen, innovativen Kamerabilder Nicolas Roegs, die die Gespenster in den Kanälen Venedigs überhaupt erst sichtbar machen. Verlust und Trauer statt blanker Existenzangst. 

„Frankenstein“ [US '31 | James Whale]

Eine Szene gibt hier den Ausschlag, ob man Dr. Frankensteins Leichenflickwerk nun als missverstandenes Wesen begreift, das Opfer eines unregulierten Wissenschaftsapparates geworden ist oder als bösartige Bestie. In der Begegnung mit dem Mädchen am Seeufer sahen damalige Zuschauer lediglich das Resultat ihres Zusammentreffens (den Tod des Mädchens), nicht aber die empathische Annäherung zuvor. Diese war zugunsten einer klaren moralischen Verortung in der ursprünglichen Fassung nicht enthalten. Heute wird dank solcher Szenen vor allem der zutiefst humanistische Grundappell dieses wunderschönen, schwarz-weiß gerahmten Wunderwerks sichtbar.

„The Fly“ [CA, US '86 | David Cronenberg]

Skepsis gegenüber einer Grenzen-auslotenden Wissenschaft ist dem Horrorfilm seit jeher fest eingeschrieben. So auch hier: Seth Brundle, von Jeff Goldblum irgendwo zwischen nervösem Charmbolzen und prototypischem Mad Scientist angelegt, will der Welt und sich selbst die Teleport-Technologie erschließen. Dass ausgerechnet eine kleine Fliege dessen Selbstversuch durchkreuzt ist eine ebenso einfache, wie geniale Prämisse. In den Bilderwelten Cronenberg'schen Body Horrors findet sie ihre Erfüllung.

„Eraserhead“ [US '77 | David Lynch]

Es ist wahnsinnig eitel sich selber zu zitieren, aber zu Lynchs Debüt fiel mir nicht mehr ein als ich ohnehin schon gesagt habe: „Die Bildideen direkt von „Grandmother“ entliehen, diesem biobasierten, langen Kurzfilm-Projekt kurz davor, das ihm Zugang in die sich windenden Gedankenwelten eines verängstigten Kindes gewährte – seine Gedankenwelt. Kondensiert wurde ein autobiographischer Fiebertraum, nach außen gestülpt, um uns sichtbar zu werden, aber dialektisch nach innen gerichtet, geschwängert von der Angst um die Rolle in der Welt und die Verantwortung, die einen dort erwartet. Der Mark-erschütterndste Horror-Film von allen also.“

„The Thing“ [US '82 | John Carpenter]

Kurt Russell verliert gegen einen Computer im Schach und eine Gruppe Forscher muss sich in der Eiswüste der Antarktis gegen einen außerirdischen Gestaltenwandler zur Wehr setzen. Die Ausgangslage lässt deutliche Parallelen zu Scotts „Alien“ zu und doch gestaltet sich der Überlebenskampf hier deutlich anders aus. Wo „Alien“ nach und nach einer feministischen Hauptfigur die Bühne bereitet, kämpft hier bis zum Ende ein Kollektiv ums nackte Überleben. Morricones Score treibt diese Tour de Force an, Rob Bottins Fleischhaufen lassen ihn lebendig werden.

The Texas Chain Saw Massacre [US '74 | Tobe Hooper]

Niemand tanzt so schön im Licht der untergehenden Sonne.

„Antichrist“ [DK, DE, FR, SE '09 | Lars von Trier]

Mann gegen Frau. Gott gegen Teufel. Religion gegen Wissenschaft. Van Triers auf die Leinwand gebannter Seelenstriptease, entstanden nach einer langen Phase der Depression, zeigt außerzeitliche, apokalyptische Bilderwelten, in denen das Chaos regiert. Selten lagen Geburt und Tod so nahe beieinander. Und selten gab es solch eine entwaffnend ehrliche, brutale Bestandsaufnahme des Seelenhaushalts eines geplagten Künstlers auf der Leinwand zu sehen.

Honorable Mentions

„Rosemary's Baby“ [US '68 | Roman Polanski]
„Rec“ [ES '07 | Jaume Balagueró & Paco Plaza]
„A Tale of Two Sisters“ [KR, HK '03 | Jee-woon Kim]
„Audition“ [KR, JP '99 | Takashi Miike]
„Psycho“ [US '60 | Alfred Hitchcock]
„Nosferatu“ [DE '22 | F.W. Murnau]
„Misery“ [US '90 | Rob Reiner]
„So finster die Nacht“ [SE '08 | Tomas Alfredson]
„Sleepy Hollow" [US '99 | Tim Burton]

Sonntag, 8. Oktober 2017

"Paterson" [US '16 | Jim Jarmusch]

Paterson ist die Stadt. Paterson ist der Mensch. „Paterson“ ist der Film von Jim Jarmusch, angelegt als Hommage an Stadt, Mensch, Fluss. Angelegt als Hommage an William Carlos Williams „Paterson“, Vorbild für den busfahrenden Poeten aus „Paterson“: Paterson. In den Alltagsstrukturen sieht dieser nicht Monotonie, Repetition, endlose Wiederholungsschleifen, in denen der Wahnsinn nur durch die Zeit auf Distanz gehalten wird. Er sieht nicht zermürbende Leere, lästige Pflicht, Stillstand in der Bewegung. Paterson sieht nicht jeden Tag gleich, und Jarmusch inszeniert nicht jeden Tag gleich. In den Alltagsstrukturen von Paterson werden die Variationen und Feinheiten des Lebens sichtbar, die im Außerhalb verborgen bleiben, wenn der Blick nicht zur Seite geht. Im Nacken von Paterson wird die Zukunft einer Liebe geschmiedet und die großen philosophischen Themen angepackt. In den Bars von Paterson, unter den wachsamen Augen von Paterson, wird die Zukunft einer Beziehung verhandelt und zum Scheitern verurteilt. Paterson, also die Stadt, ist aber auch Jarmusch-Town, bevölkert von stilbewussten, interessanten Menschen und dichtenden Fünftklässlerinnen. Backsteingebäude und Arbeiterschicht. Philosophie-Studenten und Designer-Vorhänge. Und „Paterson“, also Jarmusch, gesteht dem Alltag seine Liebe. Und er formuliert ein hehres Ziel: das Kleine im Großen erkennen, das Besondere in zyklischen Wiederholungsmustern. Und dieses Besondere kurz festhalten, um dann zu erkennen, dass es nicht für ewig währt. Und dann nicht zu resignieren, sondern stoisch seinen Weg zu gehen. Eine Zeile nach der nächsten, ein Wort auf das andere. Auf jede gute Formulierung folgt eine missratene, auf jede missratene... eine gute. 

8/10

Sonntag, 1. Oktober 2017

Zuletzt gesehen: September 2017

"Blue Steel" [US '90 | Kathryn Bigelow] - 4/10

"Death Proof" [US '07 | Quentin Tarantino] - 6/10

"Kill Bill: Volume 1" [US '03 | Quentin Tarantino] - 8/10

"Kill Bill: Volume 2" [US '04 | Quentin Tarantino] - 8/10

"Sin City: A Dame to Kill For" [US '14 | Robert Rodriguez & Frank Miller] 1/10

"Exit Through the Gift Shop" [UK, US '10 | Banksy] - 6/10

"Chiko" [DE '08 | Özgür Yildirim] - 4/10

"Thanks for Sharing" [US '12 | Stuart Blumberg] - 3/10

"Sie küßten und sie schlugen ihn" [FR '59 | François Truffaut] - 7/10

"Hot Nasty Teen" [SE '14 | Jens Assur] - 5/10

"V/H/S" [US '12 | Diverse] - 4/10

"Tschick" [DE '16 | Fatih Akin] - 5/10

"Scanners" [CA, US '81 | David Cronenberg] - 5.5/10

"Get Out" [US '17 | Jordan Peele] - 6/10

"Wonder Woman" [US '17 | Patty Jenkins] - 4/10

"Star Wars Episode I: The Phantom Menace" [US '99 | George Lucas] - 5/10

"Star Wars Episode II: Attack of the Clones" [US '02 | George Lucas] - 4/10

"Star Wars Episode III: Revenge of the Sith" [US '05 | George Lucas] - 6/10

"Everest" [UK, IS, US '15 | Baltasar Kormákur] - 6.5/10

Mittwoch, 27. September 2017

"O.J.: Made in America" [US '16 | Ezra Edelman]

Regisseur Ezra Edelman knüpft die außerordentliche, höchst wendungsreiche Karriere O.J. Simpsons unmittelbar an die Zeitgeschichte, aus der sie erwachsen ist. Zwischen den Lebensstationen von Simpson, den frühen Tagen als Football-Talent am College, den darauf folgenden Profi-Jahren bei den Buffalo Bills bis zu seinen ersten Gehversuchen als Schauspieler in Hollywood, drängt sich dabei immer wieder ein größerer Bewandtnis-Zusammenhang in den Vordergrund. Die tiefen rassischen Konflikte im L.A. der 80er Jahre, die lange Vergangenheit von Polizeigewalt an Menschen der afro-amerikanischen Gemeinschaft und die nach wie vor präsenten Strukturen der Segregation geben der Geschichte von Simpson Kontext und Referenzpunkte. Sie erklären dabei nicht nur den ungewöhnlichen Stand Simpsons in der weißen Oberschicht, sondern erklären vor allem die überwältigende Wirkung, die der politisch aufgeladene, abstruse Prozessverlauf zuvorderst auf die schwarze Bevölkerung der USA ausübte.

Insbesondere die Omnipräsenz der Medien spiegelt „O.J.: Made in America“ hierbei eindrucksvoll: Zu jedem Spiel und jedem wichtigen Run des Ausnahmetalents Simpson gibt es Fernsehaufzeichnungen, zu jeder Kontroverse existiert eine Stellungnahme in einem Interview, jeder öffentliche Auftritt wurde auf Tape gebannt, jeder Film-, Werbe- und Radioauftritt ist archiviert und jederzeit wiederabrufbar. Es existieren Homevideos aus dem Privatleben Simpsons ebenso, wie Aufzeichnungen einer Verfolgungsjagd zwischen dem inzwischen dringend Tatverdächtigen Simpson und der Polizei oder den darauf folgenden über zweihundert Prozesstagen – alles live im Fernsehen übertragen. Medien spielen eine ambivalente Rolle in der Betrachtung des Falles Simpson, sie zerstreuen die Aufmerksamkeit einer ganzen Nation, priorisieren Einzelschicksale, etablieren Marken und bauen Ikonen auf und verdienen schließlich am Untergang eben jener. Und doch sind es ironischerweise sie es, die es Edelman erlauben die Chronik der Causa Simpson beinahe lückenlos mit Originalmaterial nachzuzeichnen.

Das gesamte Erwachsenenleben Simpsons scheint durch eine Kameralinse sichtbar gemacht, jedes intime Detail scheint an die Oberfläche gespült. Eine ganze Karriere als live-übertragende Reality-Show quasi, mit all den Höhenpunkten, den Partys und dem Geld und am Ende mit all der Gewalt und Grausamkeit des Absturzes eines als Nationalhelden gefeierten Mega-Stars. Die stetig auf Simpsons gerichteten Kameras entlarven dabei nicht nur dessen schizophrenen Charakter, sie verweisen auch immer wieder auf sich zurück. Denn auch die Medien haben aus dem grausamen Verbrechen des Football-Stars an seiner Ex-Frau Nicole Brown Simpson und ihrem Freund Ronald Goldman ein Politikum gemacht, das die Schuld oder Unschuld des Angeklagten nicht länger zur Streitfrage erklärte. Stattdessen nahm die afro-amerikanische Bevölkerung kollektiv Rache für Jahrhunderte der Unterdrückung und Marginalisierung - besonders fatal begünstigt durch die Lotterie der Jury-Zusammensetzung. Damit leistet sich auch das fehlgeleitete US-Justiz-System einen Offenbarungseid. Und es werden plötzlich vor allem Systemfehler sichtbar, die fundamentale Charakterfehler fast schon in den Hintergrund verbannen. 

7/10

Mittwoch, 20. September 2017

Ein paar Gedanken zu 3 von 4 Indy-Filmen

Auffällig in der Retrospektive ist zunächst, dass sich die Filme gerade aufgrund ihrer konkreten historischen Bezugnahme wunderbar als eskapistischer Spaß genießen lassen. Dieser Spaß schwankt von Teil zu Teil jedoch erheblich. Der erste Film, noch ohne das Franchise-Label „Indiana Jones“ schlicht „Raiders of the Lost Ark“ genannt, markiert hier bereits den Höhepunkt. Harrison Ford steht in einer der kommerziell wahnsinnigsten Karrieredekaden überhaupt (vom „Star Wars“-Set zu „Indiana Jones“ zu „Blade Runner“ usw.) bei seinem ersten Indy-Auftritt voll im Saft; gibt kraftvoll und lakonisch den Halbtags-Archäologen und Abenteurer.

Im Kampf gegen die Karikaturen der Hakenkreuz-Bande um den Prototypen des schmierigen Gestapo-Majors Toht gilt: nur ein toter Nazi ist ein guter Nazi. Während die Nazis an der Bundeslade nur interessiert sind, weil sie sich einen beträchtlichen Machtzuwachs davon versprechen, liegt Indy zuvorderst der historische Wert am Herzen. Und Spielberg findet für die Tour de Force nach der Bundeslade die passenden Bilder. Sofort eingebrannt haben sich die wunderschönen Matte-Paintings von den Bergen Nepals, die erste Begegnung mit dem wunderbar fiesen Krötengesicht Toht eben dort, die Basare Kairos oder der unsterbliche, ikonische Shot von Jones vor der untergehenden Sonne in der Wüste Ägyptens. Der Reiz des ersten Filmes liegt in der Ferne des Unbekannten und in der Aussicht der Möglichkeiten.

Interessanterweise beschränkt sich „Temple of Doom“ an genau dieser Stelle und unternimmt den Versuch, trotz der Installation eines kindlichen Sidekicks, den Grundton des Erstlings in neue Genre-Gefilde zu überführen. Trotz des beständigen Flirts mit Horror-Elementen über die gesamte Reihe hinweg, ist es der zweite Film, der sich ganz klar zu den Traditionen des B-Horrors bekennt. Im Tempel des Todes werden während ritueller Opferzeremonien Herzen mit bloßer Hand aus der Brust gerissen, hysterische Frauen durch dunkle Gänge mit giftigen Krabbeltieren gejagt und Indy durch schwarze Magie zum willenlosen Diener degradiert. „Temple of Doom“ vollzieht einen lobenswerten, tonalen Wechsel und scheint sich und seiner Idee doch nie ganz zu vertrauen: Der Titel-gebende Tempel des Todes spielt erst in der zweiten Hälfte des Filmes eine wirkliche Rolle, zuvor überlassen sich Spielberg und Lucas ganz und gar den Steigerungs-Mechanismen, die einige Jahre später auch den dritten und 24 Jahre später vor allem den vierten Film bestimmen sollten.

Wenn Indy und seine Begleiter ein gelbes Gummiboot erst zum Fallschirm und dann zum Schlitten umfunktionieren, um dann endlich in sicheren Gewässern zu landen, verschwendet das Duo vor allem viel Zeit auf hässliche Rückprojektionen, statt dem eigenen Konzept zu vertrauen, welches vorsieht Indy aus der Weite der Wüste in ein düsteres Kammerspiel zu zwingen. Dort gewinnt der Film durch konsequente Horror-Anleihen zwar wieder, leidet aber auch gleichzeitig unter einem krassen Orientalismus (Affenhirn auf Eis) und der sensationell nervigen Kate Capshaw, die mit einer Figur geschlagen ist, die entweder genervt, ängstlich oder rallig sein darf, wenn Indy mal wieder seinen rauen, männlichen Charme und die Lederpeitsche auspackt. Selbst die technisch aufwendig in Szene gesetzte Mienen-Rundfahrt reißt hier nicht mehr viel raus.

Teil 4 ist indes nicht so schlimm wie es die Erinnerung vorgab. Hässlich ist er zwar geblieben, aber statt an überflüssigem CGI leidet „Kingdom of the Crystal Skull“ vor allem an einem akuten Weichzeichner-Overkill, der jedem Frame die Kanten glättet und jeder Tiefe beraubt. Wenn der Film Shia LaBeouf (übrigens nicht das Problem) zum Lianen-schwingenden Tarzan macht oder ihn in einen Degenkampf gegen eine russische Superschurkin stößt (weil er das ja auf der Privatschule gelernt hat), dann sind das irritierende Momente der Hässlichkeit und sie stehen zugleich exemplarisch für den Film: denn abseits dieser Einzelmomente reißt die Dschungel-Sequenz auch immer wieder mit. Über die Bewegung der Action erzählt Spielberg auch von einer sukzessiven Familienzusammenführung und streut immer wieder vergnügliche Wortgefechte zwischen Indy und Ravenwood ein, die nach 27 Jahren immer noch so schön lächeln kann wie damals.

Das Problem liegt weniger an den Grundzutaten, nur scheint Spielberg das Feingefühl abhanden gekommen zu sein, die einzelnen Elemente auszubalancieren. Aus einer romantischen Annäherung muss hier zwingend eine übersteuerte Hochzeitszeremonie folgen, die Bedrohungsszenarien nach Giftschlangen und mörderischen Fallen in einer Atomexplosion gipfeln und die Verfolgungsjagd im Dschungel muss noch damit gekrönt werden, dass Ravenwood gezielt auf einen Baum am Abgrund zusteuert und an diesem herab in den Fluss gleitet. Das ist so drüber, wie es Plastik ist. Und statt Gefahren existieren hier nur noch Attraktionen am Wegesrand. Das ist am Ende leider so aufregend wie ein Familienausflug in den Serengeti-Park – und mindestens so falsch.

Dienstag, 5. September 2017

Zuletzt gesehen: August 2017

"The Ghost Writer" [UK, FR, DE '10 | Roman Polanski] - 8/10

"Raiders of the Lost Ark" [US '81 | Steven Spielberg] - 7/10

"Indiana Jones and the Temple of Doom" [US '84 | Steven Spielberg] - 4/10

"Indiana Jones and the Last Crusade" [US '89 | Steven Spielberg] - 6/10

"Indiana Jones and the Kingdom..." [US '08 | Steven Spielberg] - 4/10

"Baby Driver" [US '17 | Edgar Wright] - 2/10

"Her" [US '13 | Spike Jonze] - 4/10

"Ghost in the Shell" [US '17 | Rupert Sanders] - 4/10

"Wilde Erdbeeren" [SE '57 | Ingmar Bergman] - 6/10

"August: Osage County" [US '13 | John Wells] - 4/10

"Toni Erdmann" [DE, AU '16 | Maren Ade] - 8/10

"Paterson" [US '16 | Jim Jarmusch] - 7/10

"Phenomena" [IT '85 | Dario Argento] - 3/10

"Eine Taube..." [SE '14 | Roy Andersson] - 6.5/10

"Mystery Train" [US, JP '89 | Jim Jarmusch] - 6/10

"Game of Thrones" [US '17 | Season 7] - 6/10