Freitag, 7. September 2012

"Gangs of New York" [US '02 | Martin Scorsese]

Es ist wenig überraschend, dass Scorsese's Wunschprojekt vor einer Mehrheit des Publikums – aber auch vor der Kritik – mehr oder weniger scheiterte. Die über mehrere Jahrzehnte andauernde Produktionsgeschichte, der mediale Rummel und überhaupt die fehlende Transparenz über die Entstehung dieses Mammut-Projektes, trug zur Schaffung eines Mythos bei, an dem „Gangs of New York“ zwangsläufig scheitern musste.

Die Erwartungen an ein übliches Historien-Drama, welches nie als ein solches angedacht war – zumindest nicht im herkömmlichen Sinne – waren zu groß und vermutlich auch zu mannigfaltig, um diesen entsprechen oder sie gar übertreffen zu können. Verschiedene Rollenwechsel, sowie massive Budgetüberschreitungen trugen darüber hinaus zu der problematischen Entstehungsgeschichte von „Gangs of New York“ bei. Dabei ist Scorsese's Interpretation von den Ursprüngen dieser inzwischen hoch zivilisierten Metropole eines seiner besten Werke...

Scorsese ist ein Kind der Straße und so erfährt die Gewalt in dieser epochalen Aufarbeitung einer Gründungsgeschichte eine immense – und gleichzeitig auch völlig legitime – Fokussierung. „Gangs of New York“ bietet eine freie Interpretation der Geschichte und verschreibt sich nicht einer dokumentarischen Seriosität, die aufgrund der fragmentarischen Aufzeichnungen dieser Zeiten ohnehin nicht vollkommen möglich ist.

Scorsese's New York ist ein gewalttätiges Moloch, in der Rassenhass und Mord ebenso zur Tagesordnung gehören, wie Wahlen-Manipulation und politische Intrigen. Eine Stadt der Ethnien, der Kulturen, in der der innere Krieg mindestens ebenso unbarmherzig zu herrschen scheint, wie Tag täglich auf den von Blut getränkten Straßen. Scrosese arrangiert die visuelle Realisierung von „Gangs of New York“ fast gänzlich ohne schlecht alterndes CGI, sondern setzt auf beeindruckende Sets und eine üppige Ausstattung (an diesem Punkt wird die Notwendigkeit der Budgetüberziehungen besonders deutlich).

Und doch ist relativ leicht festzumachen, woran „Gangs of New York“ in den Augen der Presse und vor allem einer Mehrzahl der Kino-Zuschauer scheiterte: Es fehlt eine kohärente Plot-Konstruktion. Zumindest im herkömmlichen Sinne. Dass es aber nicht um die vordergründige und wenig einfallsreiche Revenge-Story, sowie um die lauwarme Liebesgeschichte zwischen Vallon (Leonardo DiCaprio) und Everdeane (Cameron Diaz) geht und auch nie ging, wird besonders an der finalen Auseinandersetzung zwischen dem wieder einmal alles in den Schatten stellenden Daniel Day-Lewis und Leonardo DiCaprio deutlich. 
 
Bereit zur alles entscheidenden Schlacht, die Messer, das Schlachter-Beil und die Knüppel gezückt; sich entschlossen - mitsamt der treu ergebenen Gang-Mitglieder im Rücken - gegenüberstehend, werden sie vom plötzlichen Eingreifen der Marine unterbrochen. Und während die Kanonenschläge zwischen den Gangs tiefe Krater reißen, scheint es, als zoome Scorsese aus dem bislang bestimmenden Geschehen heraus und präsentiere uns den lange vorbereiteten Twist: Seine Protagonisten und ihre Geschichten sind nur eine Momentaufnahme ohne scheinbare Relevanz für das weitere zeithistorische Geschehen.

Unsere Helden werden ebenso schnell vergessen sein, wie sie sich einen Namen in den Straßen einer zutiefst gespaltenen Stadt gemacht haben. Die Zeit wird ihren Weg gehen, New York – inzwischen ein autonomer Organismus, dessen politisches und soziales Geschehen nicht weiterhin autoritär zu lenken ist – wird seinen Weg gehen. Es geht nicht um die vordergründige Geschichte um Rache, es geht – und hier wird Scorsese seinen Ansprüchen vollkommen gerecht - um die Historie, die Unruhen, die Kriege, das Blut und all die Opfer aus der diese Stadt und ihr politisches System gewachsen sind. 
„Gangs of New York“ - vielleicht sogar Scorsese's wichtigstes Projekt, das auch unter Betrachtung seiner ungemein problematischen Entstehungsgeschichte einmal mehr beweist, was für ein unerschrockener Filmemacher Scorsese bis heute geblieben ist. Ebenso epochal, wie blutig. Ein Meisterwerk.   

8/10

Kommentare:

  1. Interessante Sichtweise, die auch an mir vorbeigegangen zu sein scheint. Klingt aber alles sehr schlüssig. Fand den Film ja nicht so pralle, werd ihm aber jetzt wohl doch mal ne zweite Chance gönnen.

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    1. Also ich habe mich einfach entschieden, das so zu sehen, weil es mir logisch erschien. Verstehe aber auch, wenn man sich an der unkonventionellen Narration stößt. ;)

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  2. Schöne Interpretation und endlich mal jemand, dem der Film ähnlich gut gefällt wie mir ;)

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  3. Guter Film und gute Kritik ;)

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