Freitag, 3. August 2012

"American Psycho" [US '91 | Bret Easton Ellis]

Vier Jahre nach seinem Erscheinen von den deutschen Behörden aufgrund von Gewaltverherrlichung mit einer Indizierung bedacht, feierte „American Psycho“ 2001 seine Rückkehr in die deutschen Buchläden. Noch während das Buch auf dem Index stand, startete 2000 die gleichnamige Verfilmung deutschlandweit mit einer FSK-Einstufung von sechzehn Jahren in den Kinos. Aufgrund seines "kurzzeitigen" Indizierungsstatus war Bret Easton Ellis' Gesellschaftskritik aber schon lange zuvor unter Literaten zum Geheimtipp avanciert. Von der Kontroverse und dem rund sechs Jahre andauernden Bewerbungsverbot profitierte „American Psycho“ letztlich aber sogar mehr, als dass es ihm schadete. 

Und zurückblickend stößt die Indizierung bei mir ausnahmsweise mal nicht auf das erwartete Unverständnis: Ellis' Werk wird seinem Ruf bezüglich des Gewaltgrades nämlich absolut gerecht, übertrifft die Erwartungen in seiner expliziten Beschreibung von Gewalt sogar und in den Händen unwissender Jugendlicher geht von seinem dritten Roman vielleicht wirklich zu einem gewissen Grad eine Jugendgefährdung aus. Dennoch steckt hinter seinem Werk mehr. „American Psycho“ erweist sich nämlich als ein zutiefst wütender Entwurf vorherrschender Gesellschaftszustände, brillant geschriebene Satire und höchst perverse Provokation...

Die Wucht, mit der dich „American Psycho“ trifft, scheint unbändig. Ebenso die Wut auf vorherrschende Zustände. Ellis ist entschlossen, das äußert sich aber weniger in den akzentuierten Gewalt-, Drogen- und Sexorgien als in jenen scharfsinnigen Dialogen, die den Wall-Street-Mikrokosmos regelmäßig einer schonungslosen Dekonstruktion unterziehen. Ellis' Protagonist – Patrick Bateman – ist wie eine Naturgewalt, die – jede moralisierende Instanz scheuend – durch eine dekadente und ihren eigenen, absurden Reglements folgende Welt fegt. 

Bateman ist der Ausgangspunkt, dient einerseits der Veranschaulichung der zu kritisierenden Welt, fungiert andererseits jedoch auch als kritisierende Instanz. Als ein Mann, der alles erreicht zu haben scheint (Geld, Frauen (Sex), Besitz, Freunde), ist er das Sinnbild für das Scheitern eines materialistischen Systems. Bereits in den ersten Zeilen wissen wir, was uns Ellis zu sagen versucht: Diese Welt ist eine schlechte, sie ist bevölkert von desinteressierten und oberflächlichen Egomanen, geprägt von einer Leere, die nur der Wunsch nach Dekonstruktion auszufüllen vermag - der ehrlichste aller Triebe. 

Die Frage danach, ob Bateman's Schilderungen von Gewalttaten und Sexorgien nun real sind oder nicht und das Bestreben, diese Fragen lückenlos zu klären, ist verständlich, letztlich aber irrelevant. Ellis' primäres Anliegen funktioniert in beiden Versionen, erweckt aber – nehme man an, Bateman habe sich alles nur vorgestellt – einen etwas inkonsequenten Eindruck. Die Figur gerät damit zu sehr in den Fokus und die detailliert beschriebenen Taten der Hauptfigur würden zu Spinnereien degradiert. „American Psycho“ verliere seinen Schrecken. Zu rational erklärbar, zu gewöhnlich wäre und ist diese Variante.

Ellis' Buch ist langweilig. Größtenteils zumindest. Was logisch ist, wenn man dessen Stil einmal genauer betrachtet. Er lässt sich Zeit und im Dienste seiner Intention nimmt er auch etwaige Längen in Kauf. Da werden schon einmal Kapital für Telefonate geopfert, in denen es lediglich darum geht, ein Restaurant für den Abend zu finden, Marken-affine Snobs auf das letzte Kleidungsstück beschrieben oder in Männerrunden über die Unterschiede von Mineralwasser diskutiert (die Exkursionen in musikalische Gefilde – 3 an der Zahl – zählen dagegen schon zu den interessanteren Abschweifungen). 

Wir sollen diese Welt ebenso hassen, wie es unser Protagonist tut, das selbe Desinteresse gegenüber den leeren Worthülsen der Gesprächspartner verspüren und jede Abwechslung zu schätzen wissen (Gewalt, Sex). Ironischerweise verliert aber gerade diese Abwechslung schnell ihren Schrecken. Denn egal wie explizit Ellis von aufgeplatzten und verkohlten Titten, Stahlrohren in Fotzen und Ratten, die in diese hineinkriechen berichtet, so sehr nervt das andauernde Gerede über's Ficken und Töten und das ewige Hinterherjagen nach dem nächsten zu brechenden Tabu. Am stärksten ist „American Psycho“ immer dann, wenn sich Ellis ganz auf den beißenden Kommentar seiner Hauptfigur verlässt und am Ende, wenn uns des Psychopathen finaler Monolog offenbart wird - dann ist Ellis auf dem Höhepunkt seines satirischen Konzeptes angelangt.   

7/10

Kommentare:

  1. Schöner Text, obgleich ich den Roman höher einschätze (nach Punkten: 8.5).

    Ob sich Bateman seine Taten ausdenkt oder in der Realität umsetzt, ist tatsächlich irrelevant. Warum es "Spinnerei" wäre, sofern die Traumleseart zutreffend wäre, verstehe ich nicht ganz, ist es doch über die ganze Zeit hinweg Bateman, der im Mittelpunkt der Geschehnisse steht, und von dem Ellis vom Mikrokosmos Mensch zum Makrokosmos Gesellschaft schließt. "American Psycho" ist eine subversive Charakterstudie mit Zeitgeisteinschlag und will keinen Schrecken auf herkömmliche Art verbreiten, schließlich ändert sich Batemans Intention auch nicht im Falle einer Wunschrealität: Vielmehr fungiert der Sadismus Batemans an austauschbaren Figuren als Identitätssuche, indem er mit Ratten oder Rohren ins Innere der Menschen vordringt und selbst sein Inneres erforschen will. Die Steigerung all dieser Ohnmacht, dieser Verzweiflung findet Ausdruck in gesteigerten (triebhaften) Gewaltakten, die seine verlorene Existenz durchbrechen sollen. Wenn nicht anders möglich, dann eben mit maximaler Energie.

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  2. Danke für das umfangreiche Feedback, auf dich habe ich gesetzt. ^^

    Spinnereien wären es, wenn man annehme, er sei eine psychisch labile Person, die ihren krankhaften Zwang zur Dekonstruktion und zum Exzess nur im Traum verwirklichen kann.

    Für mich stand von Anfang die Gesellschaftskritik im Vordergrund, du hast aber Recht, wenn du vor allem auf die Figur eingehst - ist ebenfalls eine sehr interessante Herangehensweise. Und gerade aus der Figur - die meiner Meinung nur die extreme Darstellung eines Prototypen ist und die Manifestation eines gesellschaftlichen Zustandes - leite ich die Kritik an diesen elitären Kreisen ab. Den Ansatz hätte ich vielleicht mehr einbringen sollen.

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  3. Ja, als regelmäßiger Leser deines Blogs erlaube ich mir hin und wieder die Unverschämtheit, einige deiner Beiträge rotzfrech zu kommentieren. ;)

    Gibt's überhaupt noch weitere Literaturausflüge? :)

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    1. Sehr gut, mach bitte weiter so. :) | Als großer Roald Dahl - Fan werde ich mich wohl bald ein zweites Mal an "Küsschen, Küsschen" von ihm heranwagen - wird aber noch dauern. :)

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  4. PS: Ich weiß nicht, ob du es gemerkt hast, aber ich habe schon vor einiger Zeit mit dieser Rubrik angefangen, nur gibt es momentan erst drei Beiträge in dieser (eine ist von meinem Gastautor). ;)

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    1. Habe ich gemerkt, aber dein Co-Autor glänzt ja wohl eher durch Abwesenheit aus Gründen, die mich nichts angehen, sodass ich mir seine Posts in Erinnerung gerufen hätte, wäre er aktiver.^^

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    2. ^^ Er widmet sich eher dem Schreiben von Kurzgeschichten etc. ;)

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