Samstag, 6. Juni 2015

"Paranoia Agent" [JP '04 | Satoshi Kon]

Die totale Dekonstruktion einer tot-fetischisierten Industrie und den Befindlichkeiten seiner allesschauenden Klientel: Die Erschafferin einer austauschbaren Maskottchen-Kreation erfährt Mobbing am Arbeitsplatz sowie den Druck der Vorgesetzten, die gespaltene Halbzeit-Nutte ist ein schwer gestörtes Wrack mit tiefen psychischen Problemen und kein willenloses Schulmädchen und dem heroischen Hohelied auf echtes Männertum in einem Kampfsport-Manga schneidet Kon einen erbärmlichen Fettsack entgegen, der Omas die Handtasche klaut, weil ihm die Yakuza im Nacken sitzt. "Paranoia Agent" kennt keine Helden, weil Kon keine Helden kennt. "Paranoia Agent" kennt nur Menschen, arme Seelen, verschwitzte Fettbacken, Arschlöcher, Gestörte und jene, die versuchen diese Welt zu verstehen und dabei gnadenlos zugrunde gehen. Die Erweiterung des Handlungsspielraums um mehrere Perspektiven und die damit verbundene erzählerische Breite lässt Kon die Suche nach einem Serientäter aber nicht in dem Maße atmosphärisch verdichten, wie es unter anderem noch bei seinem Frühwerk "Perfect Blue" der Fall gewesen war. Dazu ist die Erzählung zu breit angelegt und die Einführung der Figuren, die jeweils eine Episode solo spendiert bekommen, nicht so fesselnd in ihren Mustern und Marotten, ihren Macken und Makeln, wie sie eigentlich in jedem Kon-Film in kürzester Zeit zu finden ist. Dadurch passiert das, was bei Kon eigentlich nie passiert: die Figuren bleiben fern, fremd, verschwommen. Spannende Wendepunkte und abwechslungsreiche Ideen verlieren dadurch an Wirkung, wenngleich "Paranoia Agent" durch komplexe figurale Komplikationen bei Bereitschaft zur Auseinandersetzung ganz gut bei der Stange hält und seine offene Konstruktion nur lose durch Shonen Bat verbundener Episoden, die wie Kurzfilme bei Null beginnen, um dann die Verbindung zum Ganzen als kleines Mosaik zu ziehen, unfassbar kurzweiliges Serien-Vergnügen garantiert. Die schier endlose Ideenflut (gerade in der zweiten Hälfte der Serie) ist dabei ohnehin ein Wahnsinn, der lediglich erahnen lässt was für einen begnadeten Künstler nicht nur Anime-Fans, sondern die gesamte Filmwelt in Satoshi Kon verloren hat. Einen dieser raren Filmschaffenden, der niemandem etwas beweisen musste und dessen Werk auch immer Ausdruck einer anderen, vielleicht wirkungsvolleren Form von Kommunikation war; eine Verbindung nach Draußen, ein Statement, das den Eskapismus anbietet, dem es sich im nächsten Moment wieder entzieht. Die Wahrheit ist schmerzhaft: Shonen Bat steckt in jedem von uns.

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