Freitag, 15. November 2013

"Drive" [US '11 | Nicolas Winding Refn]

„And you have proved to be a real human being and a real hero.“ 

Nach eruptiver Dekonstruktion gewaltsamer Natur und grobkörnigem Milieu-Ausflug, gibt Refn sein Debüt im großen, bösen Hollywood. Irgendwo zwischen seichtem Arthaus-Einschlag und Mainstream-tauglichen Gewalt-Eskalationen. Und ein wenig überrascht es dann doch, dass gerade „Drive“ einen derartigen Hype erfuhr, erscheint dieser in seiner Elegie, seinem traumartigen Dahintreiben durch einen quasi nicht existenten Handlungsbogen für ein breiteres Publikum doch eher ungeeignet. Womöglich ist es die Figur des Driver, dieser gesichtslose Rächer der Entrechteten, dieser unscheinbare, wortkarge Jüngling, der jederzeit zum blutrünstigen Psychopathen mutieren könnte und eben jene, unfassbare Faszination, die von ihm ausgeht. Vor allem der Verdienst eines Ryan Gosling und dessen reduzierten, aber nicht minder faszinierenden Spiel. Zu einer abgehobenen Kunstfigur gerät der Driver auch deshalb nicht, weil es Gosling versteht Coolness nie zur lächerlichen Pose geraten zu lassen. Worte erübrigen sich in einem freundlichen Lächeln, in mal intensiven, mal ganz flüchtigen Blicken; die Geschichte einer Beziehung und einer tiefen, beidseitigen Zuneigung erzählt Refn ausschließlich über Bilder, über Gesten und über wenige Worte. Ein Ansatz, der nur über das fantastische Zusammenspiel von Gosling und einer bezaubernden Mulligan funktioniert und der sich in Anbetracht heutiger Geschwätzigkeit deutlich von anderen Produktionen unterscheidet. Leider begeht Refn den Fehler, in seinem Bestreben nach einem möglichst krassen Kontrast zwischen hilfsbereitem Ersatzvater und gewaltbereiten Rächer, die Gewalt viel zu oft zum Selbstzweck geraten zu lassen. Da werden Hälse zerstochen, Köpfe zu Brei zertreten oder direkt in Zeitlupe zerschossen, Oberkörper durchbohrt, Pulsadern aufgeschnitten und immer hält die Kamera drauf, will dabei sein, ganz nah dran. Nicht selten erwecken diese übertriebenen Sequenzen den Eindruck platter Provokation, die „Drive“ als makelloses Handwerksprodukt (grandioser Soundtrack) und vor allem die wunderbar unkonventionell agierenden Darsteller absolut nicht nötig gehabt hätten. Spätestens zu seinen Finale hin, dem Driver als interessanter Figur wurden längst übliche Handlungsmotive aufgezwungen, wirkt das alles nur noch redundant und aufgesetzt, wenngleich sich der abschließende Anti-Klimax sehr konsequent bekannten Mustern versagt. Das mag schlechter klingen, als es gemeint ist, mehr drin gewesen wäre aber auch. 

„There's something inside you, it's hard to explain.“

7/10

Kommentare:

  1. Blödi. Ich mag den Film mit jedem Mal schauen ein bisschen mehr, gerade auch weil der Gewalt-Vorwurf mit jeder Sichtung ein bisschen abflacht. Einerseits sprichst du von einem konkreten Bestreben Refns der Gewalt einen Sinn zu verleihen und im selben Satz redest du von Selbstzweck ... Klar, man hätte vllt subtiler darstellen können, ohne gleichzeitig den Held-Psychopathen-Kontrast zu schwächen, aber du musst dich gleichzeitig diesem Bestreben öffnen, es anerkennen. ;) Manchmal ist die Kamera echt "nah dran", aber mindestens genauso oft eben auch nicht, wenn fast ausschließlich der Gegenschuss auf Goslings Gesicht fällt (gerade bei der Fahrstuhlszene) oder die Kamera wegblendet (vor Perlmans Sterben) .. und von der Pulsader sieht man auch nicht viel. :p
    Und solang Gewalt dem Zuschauer noch weh tut, sehe ich auch nichts Verwerfliches darin.

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    1. Wir hatten die Diskussion ja schon einmal und tatsächlich mag ich den Film auch sehr gerne. Ich sehe jedoch keinen Widerspruch in meinem Satz. Einerseits werfe ich ihm Gewalt als Selbstzweck vor (zu Teilen, nicht ausschließlich), andererseits möchte ich ihm überhaupt nicht versagen, sie als Mittel zur Charakterisierung Gosling's gezielt zu verwenden - er bekommt es meiner Meinung nach nur nicht immer hin und trifft den falschen Ton (bzw. das falsche Bild ^^). Ich brauche ästhetisierte Gewalt nicht, und der Kopfschuss ist für mich eine klare Angelegenheit diesbezüglich. Das klingt alles sehr pedantisch, fakt ist aber auch, dass dies den Film für mich keineswegs kaputt macht, ich hätte mir lediglich - wie du ja auch - mehr Feingefühl gewünscht, that's it.

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    2. Ich hab mir nicht mehr Feingefühl gewünscht. :D Von welchem Kopfschuss redest du eigentlich? Ich kann mich nicht erinnern. :o

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    3. Die Olle vom Coup, die im Motel-Badezimer niedergemäht wird.

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    4. Muss halb so schlimm gewesen sein. Sonst würde ich es noch wissen. :p

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    5. Was heißt schon schlimm, geschockt war ich auch nicht. Ich habe bloß den Sinn hinter manchen Gewalteskalationen nicht verstanden.

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  2. „Aufgesetzt“ trifft es ganz gut. Bin für jede nicht enthusiastische Wertung dieses überhypten Films dankbar.

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