Montag, 20. Mai 2013

"Flags of Our Fathers" [US '06 | Clint Eastwood]

Die Erde bebt, der Himmel brennt. Der Sanitäter versorgt den verwundeten Soldaten. Der Bauch des Mannes ist beinahe vollkommen aufgeschlitzt, er atmet schwer, ein wenig quirlen bereits die inneren Organe heraus. Er spricht dem Verwundeten Mut zu, legt einen Verband auf seine offene Wunde, redet weiter beruhigend auf den Soldaten ein; lügt. Dessen Todesurteil ist natürlich längst gesprochen. Kanonenschläge reißen tiefe Krater, Geschossen fetzen. Die Willkür regiert.

Umschnitt: Ein Japaner taucht auf, will ihn töten, rennt auf ihn zu, mit Geschrei. Gerade rechtzeitig gelingt es ihm, seinem Angreifer ein Messer in die Nähe des Herzens zu stechen. Ein weiterer Verwundeter reiht sich ein. Mit den letzten Atemzügen bittet der Japaner um Hilfe. Der Sanitäter hält inne, die Augen weit aufgerissen, der Atem schwer. Er könnte ihm vielleicht helfen, dafür wurde er ausgebildet. Aber dem Feind hilft man nicht, der Japaner stirbt. Falsche Seite, falsches Land, falscher Zeitpunkt. Kriegszustand.

Selten stellte eine Szene die Sinnlosigkeit eines Krieges deutlicher aus, als diese kurze Sequenz. Eine Sequenz, wie ich sie einem alternden Konservativen wie Eastwood so drastisch inszeniert kaum zugetraut hätte. Ebenso wenig wie dessen überwiegenden Verzicht auf Pathos. Krieg verliert hier nie seinen Schrecken, einerseits aufgrund der fragmentarischen Wiedergabe durch Kriegs-Veteranen in regelmäßigen Rückblenden, als auch durch den zentralen Erzählstrang, der den Medien- und Propaganda-Apparat einer längst Kriegs-müden Nation so gnadenlos entzaubert. „Flags of Our Fathers“ reflektiert damit zum großen Teil auch sich selbst. Trotz des plastischen Looks, des staubigen Grau-Filters („Der Soldat James Ryan“) und mäßigem CGI, verliert Krieg nie seine Bedeutung als etwas Grauenvolles, weil sich der Schrecken in erster Linie aus dem Subjektivismus der Protagonisten speist.

Nach der oberflächlichen Ehrerbietung vor dem Opfer eines Menschen für sein Land, nach dem pathetischen Salut, der wehenden Flagge, bleibt schließlich nicht mehr als eine trauernde Mutter, die nur Trost in der Illusion findet, jemand könne sich für etwas „Größeres“ opfern. Und es bleibt ein Indianer, der für ein Land kämpft, das schon lange nicht mehr seines ist; der für eine Nation einsteht, die niemals wirklich für ihn einstand und der selbst samt Heldenstatus nicht gefreit scheint vor Ressentiments und Alltags-Rassismus. Es ist eine verrückte Welt, in der der Gratwandel zwischen Tod und Jubelschrei so nahe beieinander liegt, in der Fotos Kriege gewinnen, Helden aus Pragmatismus geboren werden und Töten Orden bedeutet. Eastwood scheint diese Welt auch nicht ganz zu verstehen, aber wer tut das schon?

6/10

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