Freitag, 15. Juni 2012

"Hunger" [UK '08 | Steve McQueen]

„Hunger“ löst bei mir ambivalente Gefühle aus: Einerseits möchte ihm seine Daseinsberechtigung als Plädoyer für Menschenrechte gar nicht absprechen und ich erachte es auch für überaus wichtig eine solche – global eher weniger Beachtung findende Thematik – anzusprechen, andererseits komme ich nicht umhin „Hunger“ am Ende des Tages schlichtweg als langweilig zu bezeichnen. Das fängt an bei McQueen's völligem Missverständnis von langen Kameraeinstellungen (Flur-Wisch-Szene) und hört bei dessen offensichtlicher Annahme auf, man könne Betroffenheit in erster Linie durch schockierende Gewaltdarstellungen evozieren. Und dass regelmäßige Close-Ups nicht automatisch emotionale Nähe generieren, sollte dem britischen Regie-Debütanten eigentlich auch klar sein.

Dass „Hunger“ auf visuellem Standpunkt zu jeder Sekunde zu überzeugen weiß, scheint dem Briten jedoch klar zu sein: Jede Einstellung sitzt, jede Kamerafahrt ist wohl überlegt und in gewisser Weise haben dessen Aufnahmen von vollgeschissenen Gefängniszellen eine ganz eigene, obskure Schönheit inne. McQueen hat ein Gespür für Beobachtungen, für Kleinigkeiten, für vermeintlich triviale Dinge, die unter seinem Zusammenspiel von Bild und Ton eine völlig neue Definition von Schönheit erfahren. 

Doch genau hier liegt auch gleichzeitig der größte Schwachpunkt in seiner Regie und in seiner deklamatorischen Inszenierung: Denn was der Brite audiovisuell zu schaffen vermag, versäumt er auf der narrativen Ebene. Seine Bilder sind immer mehr Gemälde, denn Mittel zum Zweck, seine teilweise arbiträren Bildfolgen erinnern bisweilen an Fotografie-Montagen und erfüllen keine Funktion hinsichtlich der filmischen Dramaturgie. Seine Bilder erzählen keine Geschichte, sondern zelebrieren in sich in ihrer eigenen Perfektion. McQueen's Bilder bleiben leider ebenso oberflächlich wie seine Charaktere, die scheinbar willkürlich eingeführt und wieder fallengelassen werden. Daran kann auch keine 17minütige Plansequenz etwas ändern, zumal diese den Eindruck einer leidlich interessanten und zur unnötigen Überlänge breitgetretenen Stammtisch-Diskussion erweckt.

Fassbender wandelt derweil auf den Spuren von Christian Bale („The Machinist"): Mit zwanzig Kilos weniger auf den Rippen, spielt dieser den ersten Hungerstreikenden und das bekannte IRA-Mitglied Bobby Sands. Doch wo Bale seine physisch extreme Figur auch schauspielerisch extrem gut auszufüllen wusste, bleibt Fassbender zunehmend ausdruckslos. Ihm fehlt es an jener Präsenz, die von einem Trevor Reznik ausging. Im fehlt es an jenem Blick, der bereits die Schmerzen, sowohl physisch als auch psychisch erahnen ließ. Fassbender artikuliert zwar die Endwürdigung und McQueen weiß diese auch visuell schockierend und explizit darzustellen, doch beiden mangelt es an Feingefühl und an der nötigen Subtilität. Was bleibt ist ein perfekt gefilmtes, sicherlich auch schockierendes und wichtiges Debüt, das leider jeglicher Emotionalität entbehrt und leider allzu oberflächlich bleibt. Schade.

5/10  

Kommentare:

  1. Gott sei Dank jemand der den genauso langweilig fand. Kann dir durchgehen zustimmen, durchgehend!

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  2. Bis auf die Stammtisch- und Fassbenderkritik sehe ich das genauso, hab mich vielleicht sogar nicht wirklich getraut in der Bewertung noch tiefer zu gehen. Schön, dass du es stattdessen getan hast. :) Bei der Flurwisch-Sequenz musste ich auch die Augen verdrehen ...
    "Shame" ist in dieser Hinsicht aber in jedem Fall besser, da seine für ihn typischen minutenlangen Kameraeinstellungen im Gegensatz zu "Hunger" dort einen emotionalen Draht zu den Figuren schaffen, Nähe aufbauen und letztlich auch überhaupt nicht langatmig wirken. Auch wenn mir das Ende dort überhaupt nicht gefiel, gib den Mann mal bitte noch nicht auf. ;)

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  3. @Paul: :)
    @Lars: Keine Angst, ich gebe den Kerl ganz bestimmt nicht auf, denn in meiner Rezension gab es ja auch eine Menge Positives. "Shame" werde ich mir beizeiten natürlich auch noch anschauen. Wollte den im Kino sehen, aber in meiner Nähe hat den niemand im Programm gehabt. :)

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