Freitag, 20. Oktober 2017

Die 10 besten Horrorfilme aller Zeiten

Der Titel ist kompletter Unsinn - das sind natürlich nicht die zehn besten Horrorfilme, schon gar nicht aller Zeiten. Dafür eröffnet solch eine Liste, gerade im für Horrorfilme prädestinierten Monat Oktober, einmal die Chance für eine persönliche Bestandsaufnahme: Wo liegen eigene Präferenzen im Horrorgenre, welche Jahrzehnte haben den größten Eindruck hinterlassen, sind unter den Einträgen sogar thematische oder stilistische Verbindungslinien zu finden? Da ich mit gegenwärtigen Horrorfilmen eher selten etwas anfangen kann und Jump Scares in erster Regel anstrengend, nicht aber gruselig finde, werden die meisten Produktionsjahre wohl vor den Nullerjahren liegen. Umso interessanter sind demnach Nennungen die dann tatsächlich einmal aus jüngerer Vergangenheit stammen.

Was nun aber einen Horrorfilm konstituiert und was nicht ist letztendlich eine müßige Diskussion, denn eine scharfe Trennung zum artverwandten Thriller ist oft schwierig. Um die Liste trotzdem nachvollziehbar zu machen, nur soviel: Horrorfilme sind für mich solche Filme, die den Zuschauer in einen Zustand der Angst versetzen. Ich folge also einem weiten, wirkästhetischen Verständnis, wie es beispielsweise auch Ursula Vossen in ihrem Überblickswerk beschreibt („Filmgenres: Horrorfilm“). Abgrenzend zum Thriller treten in Horrorfilmen auch häufig Elemente des Phantastischen in den Vordergrund. Horrorkomödien habe ich aufgrund des ersten Kriteriums ausgeklammert. Sorry, „Gremlins“!

Ein weiteres, mir sehr wichtiges Element des Horrorgenres ist die Begegnung und Konfrontation mit dem Anderen. Diese muss nicht immer in Mord und Totschlag gipfeln, sondern kann auch eine empathische, gar zärtliche Auseinandersetzung mit dem Fremden ermöglichen. Meiner Meinung nach liegt hier eine der großen Chancen des Horrorkinos, das Selbst im Fremden zu erkennen und die Konfrontation mit kollektiven und individuellen Angstwelten. Der Horrorfilm ist demzufolge auch nicht primär destruktiv, sondern kann konstruktiv einen Dialog eröffnen. Konstruktiv kann er auch deshalb wirken, weil er dorthin geht, wo es relevant wird: dort, wo die Wunden sichtbar werden.

„Alien“ [US '79 | Ridley Scott]

Organisch-orgiastische Weltraum-Hatz. Ripley rennt, das Alien jagt. Aber nur so lange bis Ripley den Flammenwerfer in die Finger bekommt und den Schalter für den Notausgang findet. Scott versucht bis heute an dieses tiefschwarze Überlebensdrama anzuknüpfen und verlängert doch nur die Qualen eines sterbenden Patienten. Den Überlebenskampf seiner Protagonistin in einer lebensfeindlichen, feuchten Umgebung sollte dieser nie wieder derart atmosphärisch zu greifen bekommen wie 1979.

„Blair Witch Project“ [US '99 | Daniel Myrick & Eduardo Sánchez]

Als Mockumentary noch keine Warnung war, sondern methodisches und erzählerisches Neuland. Die Blair Hexe sollte hier nie zu sehen sein, stattdessen wird sie hörbar gemacht – in den Gruselgeschichten, die die Bewohner des Städtchens Burkittsville sich seit Generationen hinter vorgehaltener Hand erzählen, in den Ausführungen von Protagonistin Heather, die dem Hexenmythos über eine empirische Feldforschung auf die Schliche kommen möchte und natürlich in den leisen Schritten, den fernen Stimmen und dem nächtlichen Wind, der flüsternd über die Zeltplane streicht.

„Scream“ [US '96 | Wes Craven]

Anders als im ultra-selbstreferentiellen Sequel glänzt dieses Meisterwerk auch durch Momente wahren Horrors. Das zeigt insbesondere die meisterhafte Eröffnungsszene, die sich zwar selbstbewusst Pop-kulturell verortet, aber eben nicht dauernd auf sich selber hinweisen muss. Ob das nun aber Dekonstruktion, Satire oder schwarze Komödie ist, ist am Ende auch egal - „Scream“ ist schlicht und ergreifend ein guter (Horror-)Film.

„Don't Look Now“ [IT, UK '73 | Nicolas Roeg]

Nichts hat sich mir je so eingebrannt wie das Gesicht der kleinen Gestalt im roten Regenmantel. Und die unglaublichen, innovativen Kamerabilder Nicolas Roegs, die die Gespenster in den Kanälen Venedigs überhaupt erst sichtbar machen. Verlust und Trauer statt blanker Existenzangst. 

„Frankenstein“ [US '31 | James Whale]

Eine Szene gibt hier den Ausschlag, ob man Dr. Frankensteins Leichenflickwerk nun als missverstandenes Wesen begreift, das Opfer eines unregulierten Wissenschaftsapparates geworden ist oder als bösartige Bestie. In der Begegnung mit dem Mädchen am Seeufer sahen damalige Zuschauer lediglich das Resultat ihres Zusammentreffens (den Tod des Mädchens), nicht aber die empathische Annäherung zuvor. Diese war zugunsten einer klaren moralischen Verortung in der ursprünglichen Fassung nicht enthalten. Heute wird dank solcher Szenen vor allem der zutiefst humanistische Grundappell dieses wunderschönen, schwarz-weiß gerahmten Wunderwerks sichtbar.

„The Fly“ [CA, US '86 | David Cronenberg]

Skepsis gegenüber einer Grenzen-auslotenden Wissenschaft ist dem Horrorfilm seit jeher fest eingeschrieben. So auch hier: Seth Brundle, von Jeff Goldblum irgendwo zwischen nervösem Charmbolzen und prototypischem Mad Scientist angelegt, will der Welt und sich selbst die Teleport-Technologie erschließen. Dass ausgerechnet eine kleine Fliege dessen Selbstversuch durchkreuzt ist eine ebenso einfache, wie geniale Prämisse. In den Bilderwelten Cronenberg'schen Body Horrors findet sie ihre Erfüllung.

„Eraserhead“ [US '77 | David Lynch]

Es ist wahnsinnig eitel sich selber zu zitieren, aber zu Lynchs Debüt fiel mir nicht mehr ein als ich ohnehin schon gesagt habe: „Die Bildideen direkt von „Grandmother“ entliehen, diesem biobasierten, langen Kurzfilm-Projekt kurz davor, das ihm Zugang in die sich windenden Gedankenwelten eines verängstigten Kindes gewährte – seine Gedankenwelt. Kondensiert wurde ein autobiographischer Fiebertraum, nach außen gestülpt, um uns sichtbar zu werden, aber dialektisch nach innen gerichtet, geschwängert von der Angst um die Rolle in der Welt und die Verantwortung, die einen dort erwartet. Der Mark-erschütterndste Horror-Film von allen also.“

„The Thing“ [US '82 | John Carpenter]

Kurt Russell verliert gegen einen Computer im Schach und eine Gruppe Forscher muss sich in der Eiswüste der Antarktis gegen einen außerirdischen Gestaltenwandler zur Wehr setzen. Die Ausgangslage lässt deutliche Parallelen zu Scotts „Alien“ zu und doch gestaltet sich der Überlebenskampf hier deutlich anders aus. Wo „Alien“ nach und nach einer feministischen Hauptfigur die Bühne bereitet, kämpft hier bis zum Ende ein Kollektiv ums nackte Überleben. Morricones Score treibt diese Tour de Force an, Rob Bottins Fleischhaufen lassen ihn lebendig werden.

The Texas Chain Saw Massacre [US '74 | Tobe Hooper]

Niemand tanzt so schön im Licht der untergehenden Sonne.

„Antichrist“ [DK, DE, FR, SE '09 | Lars von Trier]

Mann gegen Frau. Gott gegen Teufel. Religion gegen Wissenschaft. Van Triers auf die Leinwand gebannter Seelenstriptease, entstanden nach einer langen Phase der Depression, zeigt außerzeitliche, apokalyptische Bilderwelten, in denen das Chaos regiert. Selten lagen Geburt und Tod so nahe beieinander. Und selten gab es solch eine entwaffnend ehrliche, brutale Bestandsaufnahme des Seelenhaushalts eines geplagten Künstlers auf der Leinwand zu sehen.

Honorable Mentions

„Rosemary's Baby“ [US '68 | Roman Polanski]
„Rec“ [ES '07 | Jaume Balagueró & Paco Plaza]
„A Tale of Two Sisters“ [KR, HK '03 | Jee-woon Kim]
„Audition“ [KR, JP '99 | Takashi Miike]
„Psycho“ [US '60 | Alfred Hitchcock]
„Nosferatu“ [DE '22 | F.W. Murnau]
„Misery“ [US '90 | Rob Reiner]
„So finster die Nacht“ [SE '08 | Tomas Alfredson]
„Sleepy Hollow" [US '99 | Tim Burton]

Kommentare:

  1. Für mich selbst ist Alien nicht wirklich Horror, auch wenn der Film natürlich Elemente aus dem Genre enthält. Ich assoziiere den Film jedenfalls zuerst mit Sci-Fi. Bei The Thing tue ich mich ebenfalls etwas schwer. Don't Look Now mag ich selbst gar nicht. Mein Lieblings-Horrorfilm A Nightmare on Elm Street hat es leider nicht einmal in die Honorable Mentions geschafft *schnief*

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  2. Genre-Diskussionen sind - wie gesagt - müßig. Vom ersten Nightmare bin ich überhaupt kein Fan. Über Geführ trashig, bissl sehr billig. Müsste dem aber sowieso noch eine Zweit-Sichtung gönnen.

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