Freitag, 22. Februar 2013

"Take Shelter" [US '11 | Jeff Nichols]

Trotz oberflächlicher Parallelen zum zeitnah gestarteten „Melancholia“, erweist sich Jeff Nichols' zweiter Langfilm sowohl als höchst eigenständiges Werk, als auch – gerade in Anbetracht tagespolitischer Gegenwart – als der interessantere Film. Und im Grunde ist „Take Shelter“ - obwohl natürlich unbeabsichtigt – die bessere Antwort auf von Trier's aufgeblasenes Weltuntergangs-Szenario. Inszenatorischer Wichtigtuerei setzt Nichols nämlich ein pointiertes und gesellschaftliche Ängste kongenial transferierendes Skript entgegen. Vor dem Hintergrund scheinbaren Wahnsinns, psychischer Fehlentwicklungen und persönlicher Katastrophe, die jedoch genauso gut zur wirklichen Naturkatastrophe geraten könnte, verhandelt Nichols immer wieder ganz reelle Ängste. Ängste, die unter dem Zusammenspiel der drastisch reduzierten Inszenierung, dem fantastischen Soundtrack und vor allem einer erneuten Glanzleistung Michael Shannon's auf einmal ganz unmittelbar werden können und schlussendlich die Frage aufwerfen, welche Katastrophe denn nun tatsächlich die verheerendere wäre. Zwischen finanziellem Ruin und psychischer Bewährungsprobe oszilliert der Film gekonnt zwischen den Genres und lässt die zentralen Fragen, nämlich jene nach getäuschter Wahrnehmung oder akuter Bedrohung, Jahrhundertsturm oder Lachnummer bis zum großartig arrangierten Finale bestehen. Ein Finale, das schließlich auch eine ganz konkrete Reflektion des eigenen Lebens ermöglicht: Denn die Lösung unserer Probleme liegt immer auch in der Gemeinschaft. 

8/10  

Freitag, 15. Februar 2013

Eine erste Begegnung mit Wong Kar-Wai

Anlässlich der Internationalen Filmfestspiele in Berlin und dem diesjährigen Jury-Präsidenten Wong Kar-Wai zeigten die Öffentlich-Rechtlichen die vergangenen Tage und Wochen einige ausgewählte Werke des renommierten "Arthaus-Regisseurs" aus Hongkong. Grund genug für mich ebenfalls mal einen etwas genaueren Blick auf dessen Filmographie zu werfen, zumal das Asia-Kino in der Vergangenheit bereits einige kostbare Perlen für mich bereithielt und ich den Eigenarten solcher Produktionen bislang sehr positiv gegenüberstand. Es folgen also erste Eindrücke, die ich nach inzwischen fünf Werken Wai's gewonnen habe...

Um eines gleich voranzustellen: Kar-Wai-Filme sind anstrengend, sperrig, leise, sinnlich und schlicht anders. Einen Zugang zu seinen Filmen zu finden, erweist sich als schwierig, kann aber erleichtert werden, wenn man seine grundsätzliche Herangehensweise an das Filmschaffen als solches erst einmal verstanden hat. Laut eigenen Aussagen liegen seinen Werken nämlich keine konkreten Drehbücher zugrunde. Stattdessen ist der Ansatz Wai's ein sehr intuitiver, sodass viele Szenen nicht selten aus Situation, Stimmung und Improvisation entstehen und sich von dort aus weiterentwickeln. Ein Ansatz, der den Darstellern eine gesonderte Rolle zugesteht, gleichzeitig aber auch neben den schauspielerischen Fertigkeiten ein entsprechendes Verständnis von Narration und Bildsprache, Form und Inhalt voraussetzt.

Besonders deutlich wird dieser sehr unkonventionelle Ansatz in „Ashes of Time“ (1994; 2008 Neauflage in der Redux-Version, welche im folgenden besprochen wird). Selten folgt der Film einer klaren Dramaturgie, versagt sich beinahe gänzlich konventionellen erzählerischen Konzepten und scheint fast meditativ in seiner Wirkung. Wai steht ganz in der Tradition des phantastischen Wuxia-Films (Wikipedia), lässt auf hörbare Stille plötzlich jeden physikalischen Gesetzen spottende Schnetzel-Orgien folgen und stellt damit gerade westliche Sehgewohnheiten (und damit nicht zuletzt die meinen) erheblich auf die Probe. Immer ist ein Wai-Film auch mit dem regelmäßigen Blick auf die Uhr verbunden und dem gleichzeitigen Ehrgeiz einen Zugang zu diesen schwierigen, theatralischen Figuren und den unwirklichen Welten zu finden.

Thematisch, wie zeitlich verorten sich schließlich gleich drei Filme Wai's im Hongkong (bzw. Shanghai) der 60er Jahre. Sowohl das großartige Frühwerk „Days of Being Wild“ (1990), als auch „In the Mood for Love“ (2000) und schließlich „2046“ (2004; welcher auch ganz konkrete Zusammenhänge zum vorigem herstellt) liegen die selben Themenkomplexe zugrunde. Wai's Figuren sind immer Betrüger und Betrogene zugleich; Getriebene, die entweder aus eingefahrenen Zuständen und schnöden Beziehungsverhältnissen auszubrechen versuchen oder sich diese nicht eingestehen möchten. Und immer ist es die Sehnsucht nach Ausbruch, die Wai inmitten klaustrophobischer Wohnhaus-Architekturen zu thematisieren versteht. 

Seine Figuren scheinen ziellos, Geschichten verharren in Repetition und Zeitraffer-Montagen, ebenso wie die auditive Untermalung, welche sich oft auf nur wenige, sich wiederholende Stücke beschränkt. „Days of Being Wild“ ist aus dieser Reihe besonders hervorzuheben; dieses rohe, hemmungslos theatralische Frühwerk Wai's mit seinen feinen Beziehungsstrukturen, den Irrungen und Wirrungen, dem ganzen Gefühlschaos und endlich einmal einem formalen Konzept, welches seinen Darstellern nicht im Wege steht, sondern diesen eine unaufgeregte Bühne bereitet.

Der 2007 folgende „Blueberry Nights“ bedeutet schließlich das Betreten fremden Terrains: Kar-Wai dreht seinen ersten Film in den USA, mit amerikanischen Darstellern und einer vergleichsweise konkreten, fast schon konventionellen Narration. Neben Jude Law und Natalie Portman, setzt Wai auf die schauspielerisch bis dahin gänzlich unerfahrene Soul und Jazz-Musikerin Norah Jones.

Und genau hier liegt bereits ein ganz arges Problem: So sehr es Wai nämlich auch versteht Jones mit einer angenehm zurückgenommen geschriebenen Figur entgegenzukommen, so schwer fällt es dieser wiederum den Film alleine zu tragen. Bis auf abgedroschene Phrasen (Sie hat den langen, statt des kurzen Weges gewählt), einer niedlichen, aber nie mitreißenden Protagonistin und einem tollen Ensemble (David Strathairn, Rachel Weisz, Law/Portman) bleibt „Blueberry Nights“ zumeist nichtssagender Kaffeetratsch, der zudem auf halber Strecke versandet.

Vielleicht also steckt hinter diesem Stil, diesem penetranten Bestehen auf Wiederholungen und melancholischer Elegie ein Genius, das ich bislang nicht zu verstehen vermochte. Vielleicht finde ich ja irgendwann einen vollkommenen Zugang zu diesen Welten, diesen fast surrealen Erlebnissen, vielleicht bleibt mir ein solcher aber auch auf ewig verwehrt. Vielleicht steckt hinter seinen Filmen auch einfach nicht mehr als das Offensichtliche. Vielleicht ist es tatsächlich nur wahrhaftige Schönheit, die Wai zu bebildern versucht; das Zelebrieren des Moments, welches im Mittelpunkt steht. 

Vielleicht geht dessen Interpretation von Kunst aber auch einfach nicht mit der meinigen konform. Und vielleicht wäre das auch vollkommen in Ordnung, weil es einem Diskurs über diese Kunstform als solches nur zuträglich ist, wenn verschiedene Standpunkte und Sehgewohnheiten beidseitig in einen Dialog eintreten und zu einer gewissen kritischen Distanz anhalten. Vielleicht bin ich auch nur zu dumm, und Wai zu schlau. Vielleicht ist es auch andersrum...

Sonntag, 10. Februar 2013

"Shame" [UK '11 | Steve McQueen]

McQueen bleibt ein schwieriges Thema. Seine Filme tragen trotz ihrer verbalen und visuellen Reduktion den Anspruch von wahrhaftiger Größe in sich. Ein Anspruch, an dem McQueen wieder einmal scheitert. Trotz der angestrengten Inszenierung, die dem Geschehen fortwährend eine gesonderte Relevanz unterstellt, bleibt vieles banal und überraschend realitätsfremd. Es fällt schwer zu glauben, dass diese Welt, von der uns McQueen in steriler Perfektion berichtet, tatsächlich existiert und es fällt schwer zu glauben, dass „Shame“ ein wirklich großer Film ist. Zu sehr ist man damit beschäftigt dramaturgische Konventionen in erzählerische Exzentrik zu hüllen. Fassbender ist gut, aber nie herausragend, das musikalische Haupt-Thema, obwohl zweifelsohne zum Besten diesen Jahres gehörend, wirkt immer etwas deplatziert und mehr noch als im vorangegangenen „Hunger“ haben McQueen's Figuren nichts zu sagen. Worte bleiben leer, Posen affektiert. Und doch geht von „Shame“ ein unfassbarer Reiz aus.  

6/10

Dienstag, 5. Februar 2013

"Warm Bodies" [US '13 | Jonathan Levine]

Es steckt eine schöne Idee hinter Jonathan Levine's „Warm Bodies“. Quasi eine konsequente(re) Alternative zur endlos breitgetretenen „Twilight“-Saga. Besonders die vergnügliche Einführung, welche den ermüdenden Zombie-Alltag aus Sicht des frustrierten (Zombie)-Teenagers "R" schildert und mit einigen, überaus spaßigen Beobachtungen und Referenzen (Romero) zum Untoten-Genre aufwartet, schöpft das Potenzial, welches mit dem genialen Perspektiv-Wechsel einhergeht, fast vollkommen aus. Leider bleiben das die besten Szenen. Anschließend gelingt es „Warm Bodies“ nämlich nie so wirklich Tragik und Komik zufriedenstellend miteinander zu vereinbaren. Nicht selten wird es dann doch arg kitschig, wenngleich die Nachwuchs-Darsteller Nicholas Hoult und Teresa Palmer ein schönes Leinwand-Paar abgeben. Dass Levine allzu schnell bekannten dramaturgischen Mustern verfällt, die Gewalt angesichts der angepeilten Zuschauerschaft vergleichsweise zahm ausfällt und der Film schließlich in einem erst ziemlich redundanten Showdown (die blasse (höhö) Antagonisten-Schar) und dann klebrig-schmierigen Happy-End (Romeo und Julia) gipfelt, ist in Anbetracht des omnipräsenten, aber nichtsdestotrotz wunderbar nostalgischen Soundtracks eigentlich schon wieder vergessen. Fast. 

5/10

Samstag, 2. Februar 2013

Zuletzt gesehen: Januar 2013

"A Dangerous Method" [CA, DE, GB '11 | David Cronenberg] - 5/10

"Bettlejuice" [US '88 | Tim Burton] - 6/10

"A Single Man" [US '09 | Tom Ford] - 7/10

"Game of Thrones" [US '11 | Season 1] - 7.5/10

"The Samaritan" [CA, US '12 | David Weaver] - 3/10

"Vertigo" [US '58 | Alfred Hitchcock] - 6/10

"Take Shelter" [US '11 | Jeff Nichols] - 8/10

"James Bond - Ein Quantum Trost" [US, UK '08 | Marc Forster] - 3/10

"Über uns das All" [DE '11 | Jan Schomburg] - 7/10

"Dark Star" [US '73 | John Carpenter] - 6/10

"...denn sie wissen nicht, was sie tun" [US '55 | Nicholas Ray] - 8/10

"Romeos" [DE '11 | Sabine Bernardi] - 6/10

"American Gangster" [US '07 | Ridley Scott] - 6/10

"Das Fenster zum Hof" [US '54 | Alfred Hitchcock] - 8/10

"Face/Off" [US '97 | John Woo] - 5/10

"Braveheart" [US '95 | Mel Gibson] - 5/10

"Der Ghostwriter" [US, FR, DE, UK '10 | Roman Polanski] - 7/10

"Citizen Kane" [US '41 | Orson Welles] - 6/10

"Precious" [US '09 | Lee Daniels] - 5/10

"Flags of Our Fathers" [US '06 | Clint Eastwood] - 6/10

"Terminator 2" [US '91 | James Cameron] - 8.5/10

"Ich habe keine Angst" [UK, IT, ES '03 | Gabriele Salvatores] - 7/10