Freitag, 2. März 2012

Kino: "Casino" [US '95 | Martin Scorsese]

Las Vegas in den 70er Jahren: Der erfolgreiche Berufsspieler Sam Rothstein (Robert De Niro), wird von der Chicagoer Mafia beauftragt, das neue Tangiers Casino zu leiten. Zu seiner Unterstützung wird sein guter Freund, das bekannte „La Cosa Nostra“-Mitglied Nicky Santoro (Joe Pesci), ebenfalls nach Las Vegas geschickt. Doch dieser hat seine ganz eigenen Pläne und beginnt mit skrupellosen Geschäften in der Wüstenstadt...




Scorsese entführt uns in seiner mittlerweile achten Zusammenarbeit mit Ziehkind de Niro in eine Welt der Affektion, eine Welt scheinbar bestehend aus bunten Reklameschildern und glitzernden Fassaden. Eine Welt, in der Ehen gekauft und Leben gegen Geld aufgewogen werden kann, ist nicht mehr als eine leere Hülle, hinter deren Fassade ein sich selbst unterwanderndes System, der selbst initiierten Dekonstruktion hingibt. In scheinbar wissenschaftlicher Objektivität seziert Scorsese mafiöse Strukturen, stellt sie in all ihren Facetten zur Schau und setzt sie von Anfang an als gegebene Größe voraus, als Parameter, die es einzuhalten gilt, vermengt mehr oder weniger fundierte Fakten und Tatsachenberichte mit künstlerischen Einwürfen und lässt seine Protagonisten langsam Teil eines Systems werden, aus dem nur Gewinner und Tote hervorgehen. Der Kontrast zwischen berauschenden Millionengeschäften in hell erleuchteten Casinos und expliziter Gewalt ist dabei ebenso atemberaubend wie die (technische) Akribie Scorsese's (der Soundtrack ist überragend). Trotz seiner beachtlichen Laufzeit von knapp drei Stunden, lässt Scorsese keine Langeweile aufkommen, findet den richtigen Mittelweg zwischen gemächlichem Erzähl-Kino und erschreckend authentischer Milieu-Studie und gibt uns ein Gefühl für die Welt, in der sich unsere Protagonisten (Charismatisch: Robert De Niro | Knallhart: Joe Pesci | Nervig: Sharon Stone) bewegen und deren Opfer sie werden bei dem Versuch, das gnadenlose System zu kontrollieren. 




Inszenatorisch über jeden Zweifel erhaben, führt uns Scorsese zu einem konsequent zu Ende gedachten Finale und bleibt selbst dann distanzierter, nüchterner und weniger reißerisch, als viele seiner Genre-Kollegen. Gewalt ist in „Casino“ omnipräsent und doch verliert sie nie ihren Schrecken, gerade in ihrem dargestellten Kalkül, in ihrer Selbstverständlichkeit, da sie schon viel zu lange zum Alltag gehört. Und doch bleibt Scorsese diskret, fuchtelt nicht dilettantisch mit dem Zeigefinger herum, sondern präsentiert uns lediglich Einzelschicksale, Produkte einer Welt, die verkommender, affektierter und härter nicht sein könnte. Und so kommt die Gewalt in „Casino“ letztendlich erschreckend gewöhnlich daher, präsentiert sich als fest integriertes Mittel, das es zu wählen gilt, sobald eine Störung auftritt. Am Ende sind selbst die vermeintlich legalisierten Geschäfte der Großunternehmer nicht viel ehrlicher als die Geschäfte der Mafia innerhalb ihres kranken Systems und so verbleibt schlussendlich doch die beißende Kritik am Wesen des Menschen, eine beeindruckende Studie über Wechselwirkungen und Mechanismen des Casino-Systems zur Zeit der 70er bis 80er Jahre und eine der größten filmischen Auseinandersetzungen mit der Thematik der Mafia seit „The Godfather“. Scorsese kann's einfach!


8/10

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