Samstag, 25. Februar 2012

Kino: "Seven" [US '95 | David Fincher]

Ein Serienmörder wählt seine Opfer nach den sieben Todsünden aus. Detective Lt. Somerset (Morgan Freeman), welcher kurz vor der Pensionierung steht, und sein junger Partner Detective Mills (Brad Pitt) leiten die Ermittlungen gegen den religiösen Fanatiker, der sich selber nur "John Doe" nennt...



Drei Jahre nach seinem enttäuschenden Ausflug in das „Alien“-Franchise und vier Jahre vor dem zum Kult-Hit avancierten „Fight Club“ sollte Fincher sein Meisterstück schon viel zu früh abliefern. Fincher's „Se7en“ präsentiert sich unter einer grauen Wolkendecke und wird begleitet von andauerndem Regen. Nach einem ersten kurzen Dialog zwischen den Ermittlern, erreichen uns bereits die ersten Videoschnipsel aus der beunruhigenden Intro-Sequenz. Der nervenaufreibende Score von Howard Shore interagiert mit flüchtigen Bildkompositionen und schnellen Schnitten. Ein langsam quälendes Kratzen sublimiert die dumpfen Bass-Töne. Fincher legt seine Ursprünge offen zur Schau, das Intro ist ein kurzer Musikclip, geprägt von regelmäßigen Close-Ups und kleinen Details. Fincher's visuelle Orientierung am Film-Noir verkommt jedoch nicht zum Selbstzweck, sondern ergänzt sich mit dessen technischer Akribie. 





Die Gesellschaft in „Sieben“ ist eine intrigierte, korrumpierte. Eine Gesellschaft ohne Reue, ohne Werte, ohne Moral, sich von den vermeintlichen Wahrheiten der Bibel abwendend, sie gar leugnend. Eine Gesellschaft, die sich für Geld prostituiert. Selbst die Fassade verfault an der parasitären Schändung des inhumanen Gefüges aus Dieben, Vergewaltigern und Mördern. Die Sünde ist zur Gewohnheit geworden, hat längst Einzug erhalten in ein sich selbst zerstörendes System. Die Welt kotzt sich in ihrer eigenen, ekelerregenden Arroganz selber ins Gesicht. Fehlende Empathie und chronische Intoleranz werden als gewöhnlich etikettiert und werden längst toleriert. Das Drehbuch gefällt sich in seinem Subjektivismus, degradiert seine Darsteller von der aller ersten Sekunde an zu Mitteln zum Zweck und gesteht diesen nur repräsentative Rollen zu. Sie agieren als Marionetten, bleiben nicht weiter ausformulierte Skizzen und erfüllen lediglich ihre Funktion als Teil der Dramaturgie. Güte und Naivität ist in dieser Welt verloren, ebenso neues Leben, welches vergeht ehe es die besudelten Straßen einer sich von Religion distanzierten Gesellschaft erblickt. Tracy (verzweifelt und stark: Gwyneth Paltrow) ist verloren im grenzenlosen Pessimismus, ebenso die Attitüden, die mit ihr einhergehen. Wir begleiten die beiden Ermittler Somerset (großartig: Morgan Freeman) und Mills (rebellisch erfrischend: Brad Pitt) in die Abgründe eines verkommenden sozialen Gefüges, in eine Welt der Ausgestoßenen, in eine Welt, in der Perversion und Voyeurismus längst chronisch geworden sind. 



Der Täter versteht sich als Heiler, als Märtyrer, der die Menschheit von einem Virus zu befreien versucht und es stellt sich zwangsläufig die Frage, ob diese eine Rettung überhaupt verdient. Aversion bietet einen Ausweg, macht vieles einfacher, erträglicher, anstatt der gefickten Welt jeden Tag mit geheucheltem Wohlwollen zu begegnen. Währenddessen assimiliert Shore's auditive Untermalung mit den herausragenden Bildkompositionen zu einem alles einnehmenden Ganzen und legt sich wie eine dunkle Vorahnung unter die gemächliche Narrative. Die passend gesetzten Plot-Twists, welche gerade in ihrer Unfassbarkeit so authentisch sind, sorgen fortwährend für den nötigen Drive und halten jenes Tempo, das nach dem ersten Twist mit dem Geschehen einhergeht. Auf dem Weg zu seinem zugegeben überaus herbei-konstruierten Finale mutiert Fincher's „Sieben“ dann zu einem Kammerspiel, lässt für kurze Zeit die alte Tradition des Theaters aufleben und forciert den Spannungsbogen bis ins Unerträgliche. Ein finales Aufeinandertreffen zwischen Tätern und Opfern, ein Aufeinandertreffen der Mentalitäten, der Grundsätze, eine intellektuelle Auseinandersetzung mit der filmischen Thematik, eine Dekonstruktion und anschließende Neuanordnung des Vorangegangenen. Fincher erfüllt letztlich all unsere schlimmsten Befürchtungen und lässt uns nach einem letzten Schlag in unsere überraschte Fresse nur fassungslos zurück.


8.5/10

6 Kommentare:

  1. Zweifelsohne kreativ geschrieben! :) Finde den auch noch sehr sehenswert (7 Punkte), aber nicht mehr überragend. Die Noir-Fassade bleibt leider wirklich nur selbstzweckhafte Fassade, ein nettes Gimmick eines Videoclip-Regisseurs, der nie so wirklich das Innere seiner Figuren vor diesem Hintergrund auslotet, vor allem das Innere von asexuellen Geschlechterbeziehungen, Bestandteil der meisten Fincher-Filme (siehe auch ZODIAC, wobei sich der Film darauf nicht stützt; dort ist Fincher auch unfähig, eine Liebesbeziehung zu ergründen). Entsprechend austauschbar ist die Beziehung des Ehepaars Mills, weil Fincher darüber gar nichts mitzuteilen weiß. Was mir am meisten missfällt, betrifft allerdings die Art der Ermittlung, die sich aus einer plumpen Überraschungsdramaturgie speist - John Doe wird greifbar durch einen simplen FBI-Kontakt in der entscheidenden Minute. Das finde ich mittlerweile ausgesprochen schwach, um die eine Hälfte mit der anderen zu verknüpfen. Ich finde da FIGHT CLUB & ZODIAC durchaus "reifer", auch im Verhältnis von Form & Inhalt, Pessimismus und Hoffnung. Als zweites Werk eines Regisseurs ist das trotzdem beachtlich.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Das kreative Schreiben nehme ich einfach mal als Kompliment. ^^
      Zu den Figuren: Wie ich bereits in meiner Kritik angemerkt habe, denke ich, dass Fincher diese lediglich als Mittel zum Zweck missbraucht. Mills und Somerset, ebenso Tracy sind im Grunde genommen Stereotypen und dienen der übergeordneten Intention bzw. Thematik (in diesem Fall die Gesellschaftskritik, die Fincher ja sehr gerne ausübt).
      Die Art der Ermittlung hat mir wiederum sehr gefallen, da die Art und Weise, wie sie Doe schließlich ausfindig machen, einfach erfrischend banal war. Manchmal muss man halt einfach Glück haben.
      "Fight Club" erscheint mir im Vergleich auch etwas cleverer, "Zodiac" habe ich noch vor mir. ;)

      Löschen
    2. Na dann freu' dich mal auf ein absolutes Meisterwerk, da ist der Meister auf dem Höhepunkt seines Schaffens! Jo, war selbstverständlich 'n Kompliment. :)

      Löschen
  2. Antworten
    1. Natürlich nicht. Ich ordne die Filme jetzt nur in die Kategorien Kino, DVD und Retro ein. Hat eigentlich nur ästhetische Gründe, da "Kritik" nicht wirklich schön aussah. :)

      Löschen
    2. Achso, manche Programmkinos zeigen solche Klassiker ja durchaus noch hin und wieder. Würde den gern mal im Kino sehen - wegen der Reaktionen jener Zuschauer, die den noch nicht kennen. Soll's auch geben. ;)

      Löschen